Berliner Woche der Kritik

Das silent green Kulturquartier, ein ehemaliges Krematorium, versteckt hinter der U-Bahn Station Wedding, sprudelt an diesem Februarabend paradoxerweise nur so von Leben. Mir wird schnell klar, dass dieses Event viel populärer ist, als ich dachte.

Ich bin bei der Woche der Kritik, einer Parallelveranstaltung zur Berlinale, bei der elf internationale Filme analysiert und debattiert werden. Die Berliner Woche der Kritik gibt es zum zweiten Mal und sie wird vom Verband der Deutschen Filmkritik in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung organisiert.

Eine der formulierten Forderungen war die Einrichtung einer WOCHE DER KRITIK zur Berlinale als Freiraum für Debatten, zur Verteidigung einer lustvollen Streitkultur und um Diskurse jenseits von üblichen Filmgesprächen stattfinden zu lassen.

Die heutige Veranstaltung trägt den Titel „KINO MACHEN ANDERE – Warum der deutsche Film nur unter sich feiert“ und es diskutieren internationale Gäste über den Misserfolg des deutschen Films auf internationalen Festivals. Für die Journalisten wie mich, die sich spontan angemeldet haben, ist bis zur letzten Minuten noch unklar, ob wir teilnehmen dürfen. Nach ungefähr 30 Minuten draußen im Innenhof des Krematoriums bin ich sehr dankbar,  dass dieser Februar nicht so kalt ist wie der im letzten Jahr – und auch ein bisschen aufgeregt. Ich fühle mich, als wäre ich auf einem großen Filmfestival.

Woche der Kritik

© Angabe Kai Bergmann/Matthias Neumann

Als ich mich zu meinem Platz durchzwänge, hoffe ich, dass sich meine Erwartungen bestätigen. Aber mit so renommierten, internationalen Gästen wie dem “The New Yorker”-Journalisten Richard Brody und dem Mitglied der Auswahlkommission für das Filmfestival Locarno Sergio Fant sieht der Abend sehr vielversprechend aus! Meine Zweifel werden schnell beiseite gefegt. Zuerst hält der Leiter der Woche der Kritik in Cannes Charles Tesson einen Vortrag, in dem die Frage „Warum gab es im Jahr 2015 keine deutschen Filme bei Festivals wie Cannes, Venedig  und Locarno?“ untersucht wird.

Um es genau zu sagen, wurde in den vergangenen sieben Jahren kein einziger deutscher Film für die berühmte Semaine de la Critique ausgewählt. Aber warum? Warum können unsere Filme im internationalen Wettbewerb nicht bestehen? Warum werden jetzt Filme aus dem Iran, Ungarn oder Venezuela höher gehandelt als deutsche? Die Antwort, laut Tesson: deutsche Filme sind entweder zu deutsch oder nicht deutsch genug!

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Diese Idee wird in der darauffolgenden Paneldiskussion und dem Vortrag von Brigitta Wagner weiter untersucht. Ein heiß diskutiertes Leitmotiv der deutschen Filmproduktion ist die deutsche Geschichte, ein Motiv, das in Grund und Boden inszeniert wurde. Jeder ist von der Geschichte der letzten sechzig Jahre gelangweilt! Filme wie Im Labyrinth des Schweigens (2014), Elser (2015) und auch Das Tagebuch der Anne Frank (2016), der dieses Jahr in der Kategorie GENERATION bei der Berlinale läuft, bilden die deutsche Geschichte ab, Tesson und Fant zufolge allerdings nur oberflächlich.

Während diese Filme Deutschlands Geschichte wirksam erzählen, wird das Erzählen menschlicher Geschichten und Schicksale vernachlässigt. Richard Brody, der sich vom deutschen Film der letzten fünf Jahre unbeeindruckt zeigt, glaubt, dass diese Historizität nicht mitreißt. Man könnte sagen, es handele sich um „Nationaltourismus“. Ich gebe zu, dass auch ich als Ausländerin die Geschichte Deutschlands fast nur durch Filme kennengelernt habe.

Gibt es heute keine anderen Erzählungen, die das moderne Deutschland abbilden? Kann jemand vielleicht mal die heutige Situation untersuchen? Die Vielzahl an deutschen Theaterstücken und deutschen Romanen zeigen ja deutlich die Menge und Qualität der Geschichten, die erzählt werden könnten. Und, ehrlich gesagt, ist deutsches Theater seit neuestem viel erfolgreicher als deutsches Kino. Also was ist das Problem?

Das Panel ist der Meinung, dass das größte Problem in der deutschen Filmlandschaft der Independent-Film ist… oder besser gesagt, der nicht existierende Independent-Film. Wegen der Filmförderung, die elementarer Finanzierungsbestandteil für fast alle Filmschaffenden ist, erscheint die Industrie im Moment von dem Wahn befallen zu sein, den Vorgaben der Finanzierer in ihren kreativen Inhalten zu entsprechen.

Um das Geld als Stipendium oder als zinsloses Darlehen zu kriegen, müssen Filme an besonderen Grundsätzen festhalten. Beispielsweise sieht eine regionale Förderung vor, eine bestimmte wieder erkennbare Umgebung zu zeigen. Sehr bewährt ist auch, einen bekannten deutschen Schauspieler zu casten – denkt an Fack ju Göthe (2013) oder den neuesten Film von Til Schweiger, Honig im Kopf (2015).

Für das Panel ist klar, dass mit solchen Vorgaben keine Innovation möglich ist und Independent-Filme durch das Sieb der Förderungen fallen. Filme, die nur wegen ihres Drehbuchs gefördert werden, können nicht innovativ sein. Laut Richard Brody beginnt Innovation mit der Vision des Regisseurs und nicht mit einem ersten Handlungsentwurf auf Papier. Deshalb gab es großes Lob (und auch den Preis der Deutschen Filmkritik 2016) für Victoria, Sebastian Schippers Film der letzten Berlinale über eine spanische Frau und ihre wahnsinnige Nacht in Berlin, der vollständig in einem Take gedreht wurde. Endlich mal etwas anderes!

Doch was ist die Prognose für das deutsche Kino? Ist es tot? Oder wie Richard Brody betont, hat das deutsche Kino sich durch die Einführung der Förderung selbst vergiftet? Beim Versuch, das deutsche Kino vor der Flutwelle amerikanischer Filme zu retten – wurde mehr Schaden angerichtet als erwartet? Vielleicht doch nicht ganz so sehr. Brigitta Wagner zumindest ist sehr optimistisch. Während ihres Vortrags richtet sie die Aufmerksamkeit auf das sehr wohl vorhandene kreative Potenzial des deutschen Kinos. Besonders in Filmen wie Oh Boy (2012), Gold (2013) und Die andere Heimat (2013) sieht sie Vorreiter einer neuen Filmkultur. Wagner denkt, es gibt die richtigen Filme in Deutschland. Sie brauchen nur eine Plattform und eine adäquate Finanzierungschance.

Offensichtlich gibt es gravierende Streitwerte rund um die staatliche Filmförderung und sie wird im Laufe des Abends definitiv am meisten kritisiert. Leider sind drei Stunden nicht lang genug, um das Thema bis in die Tiefe zu diskutieren. Glücklicherweise wird es ja während der verbleibenden Woche der Kritik noch oft die Möglichkeit geben, diese Frage zu stellen und zu debattieren. Besonders auch deswegen, weil ja nur ein deutscher Film in den Diskussionsrunden der Woche dabei ist, die Filmerzählung Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen von Tatjana Turanskyj und Marita Neher.

Wenn so viele Leute draußen im kalten Februarwetter anstehen, um darüber zu streiten, ob sich der deutsche Film tot gefördert hat, dann ist es vielleicht Zeit für eine Wende. Und wer weiß? Vielleicht wird ALEX ja den nächsten Fassbinder dabei unterstützen, einen bahnbrechenden Independent-Film zu produzieren und das deutsche Kino ist endlich gerettet.

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von Kai Bergmann + Matthias Neumann (Verband der deutschen Filmkritik) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons