Leben und Berichten im Exil

Junge Journalisten mit Fluchthintergrund machen Medien

Wie Menschen mit Fluchthintergrund einen Weg in die deutschen Medien finden, diskutierten am 7. Juli 2017 Entscheider aus Medien und Politik mit Exil-Journalisten. Die Podiumsveranstaltung „Leben und Berichten im Exil“ bildet den offiziellen Startschuss des Integrationsvolontariats der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) bei ALEX Berlin. Mittendrin: die ALEX-Volontäre Hiba Obaid, Ahmad Wali Temori und Jamal Ali.

Menschen, die zu Fuß um ihr Leben rennen, überfüllte Flüchtlingsboote im Mittelmeer, elende Zustände in Flüchtlingscamps, Schlangen vor dem LaGeSo, Abschiebung. Vieles, was die Gesellschaft über Geflüchtete weiß, kommt aus den Medien. Allerdings arbeiten in diesen Medien eine verschwindend geringe Anzahl von Geflüchteten. Das wollen Ahmad Wali Temori aus Afghanistan, Hiba Obaid aus Syrien und Jamal Ali aus Aserbaidschan ändern. Wie viele andere Neu-Berliner haben sie eine schlimme Fluchtgeschichte hinter sich, in ihren Heimatländern herrscht Krieg und Unterdrückung. Auch deswegen wollen sie als Journalisten arbeiten. Seit Mai 2017 lernen sie bei ALEX Berlin das notwendige Handwerk. Ihr 18-monatiges Integrationsvolontariat ist eine mehrstufige journalistische Ausbildung: trimediale Schulungen, zugeschnittener Sprachunterricht und acht Hospitationen in renommierten Medienhäusern. Gefördert wird das Volontariat durch die mabb. Bei ALEX Berlin produzieren Hiba, Ahmad und Jamal schon jetzt fleißig. Journalismus ist eben Praxis.

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Den offiziellen Startschuss des Volontariats gibt das Event „Leben und Berichten im Exil“ am 7. Juli 2017. Prof. Dr. Hansjürgen Rosenbauer, der Vorsitzende des Medienrats der mabb, eröffnet die Veranstaltung und äußert: „Je mehr Vielfalt in der Redaktion herrscht, desto mehr kommt man an Hintergründe, die man sonst nicht auf dem Schirm hätte.“ Diese Vielfalt fehle vielerorts. Die mabb stelle sich daher die Frage, was man tun könne. Aus anfänglichen Überlegungen wurden drei konkrete Initiativen: Neben einer Studie über Mediennutzung von Geflüchteten soll das „Willkommensportal“ Medienangebote für Geflüchtete bündeln und auffindbar machen. Mit einem crossmedialen Volontariat bei ALEX Berlin wird den Exil-Journalisten Hiba, Ahmad und Jamal ein Weg in den deutschen Arbeitsmarkt eröffnet. Es sei wichtig, dass nicht nur über Geflüchtete berichtet wird, sondern auch von Geflüchteten geschrieben wird, unterstreicht Björn Böhning, der Chef der Berliner Senatskanzlei und Staatsekretär für Medien in seiner Begrüßungsrede. Wenn das nicht geschehe, schlüge die Integration fehl.

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Vielen Journalisten mit Fluchthintergrund gelingt es nicht, in Deutschland Fuß zu fassen. Selbst wenn sie in ihren Heimatländern für diverse Medien berichtet haben, ist die deutsche Medienlandschaft anders und das Verständnis von Journalismus oft verschieden. Es sei wichtig, dass die Medienschaffenden, die nach Deutschland kommen nicht nur die Sprache, sondern auch die deutschen Medien verstehen lernen, so Böhning. Im vergangenen Jahr gab Der Tagesspiegel eine Sonderausgabe von 25 Exil-Journalisten heraus. Dabei wurde klar, dass das Verständnis von Journalismus und Meinungsfreiheit manchmal unterschiedlich sei, so Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, später in der Diskussion. Aber genau um solche Begrifflichkeiten zu klären seien Ausbildungsleistungen wie das Integrationsvolontariat lohnend, merkt Björn Böhning an.

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Ihr Volontariat stellen die drei jungen Journalisten selber vor. Im Interview wird schnell deutlich, warum sie nach Deutschland fliehen mussten. Jamal Ali aus Aserbaidschan ist nicht nur Journalist, sonder auch Musiker und Regimekritiker. Das brachte ihm 2012, im Jahr des Eurovision Songcontests in Baku, eine Gefängnisstrafe ein. Er floh und veröffentlicht seitdem im Berliner Exil satirische und kritische Videos auf YouTube. Manchmal wird seine Familie in Aserbaidschan von der Regierung bedroht, dann muss er ein Video löschen. Zurück in seine Heimat darf er nicht. Hiba Obaid ist 2013 aus Syrien über den Libanon und vorbei an IS-Checkpoints in die Türkei geflüchtet. Sie verlor ihr Zuhause und Freunde und lebt seit Oktober 2015 in Berlin. In ihrer Heimat schrieb sie unter Pseudonym für regimekritische Medien. In Deutschland steht ihr eigener Name unter ihren Texten. Auch Ahmad Wali Temori lebt seit 2015 in Berlin. In seiner Heimat Afghanistan übersetzte er für die US-Amerikanische Armee und floh nach Morddrohungen der Taliban über den Iran, die Türkei und Griechenland zu Fuß. Auf seinem Weg nach Deutschland wurde er mehrfach inhaftiert. An der Grenze zum Iran schossen Grenzsoldaten auf ihn, ein Freund starb. Zusammen mit Hiba und Jamal betont er bei der Vorstellung des Volontariats seine Motivation, als Journalist eine kritische Stimme zu erheben und über die Wahrheit zu berichten. In Deutschland ist das möglich.

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Bei ALEX Berlin wurden die Volontäre bereits in der zweiten Woche ins kalte Wasser geworfen und berichteten von der MEDIA CONVENTION Berlin. Auch beim Berliner Großevent, dem Karneval der Kulturen, waren die drei Volontäre sowohl vor, als auch hinter der Kamera und haben einen eigenen Kurzfilm produziert. Neben ihrer Arbeit in den ALEX-Redaktionen bekommen sie journalistischen Unterricht an der Evangelischen Journalistenschule. An zwei Tagen in der Woche gibt es fachspezifischen Sprachunterricht an den Berlitz Sprachschulen. „Die deutsche Sprache ist der Schlüssel für uns als Journalisten in Deutschland“, ist Ahmad Wali Temori überzeugt. Das Gelernte setzen sie auch in eigenen TV-Features um. Außerdem erwarten sie Praxis-Stationen bei Medien aus Print, Online, TV und Radio. Mit dabei als Partner sind unter anderem Der Tagesspiegel, rbb, Deutschlandradio, taz, Deutsche Welle, FluxFM, bild.de und n-tv.

Die Volontäre seien schon jetzt Multiplikatoren, die ihre Erfahrungen in die Berliner Medienhäuser tragen, so David Bedürftig, einer der beiden Ausbildungsbeauftragten des Integrationsvolontariats. Er betont, dass durch Projekte wie das Volontariat Geflüchtete eine Stimme in den Medien erhalten und so zur Integration in die Gesellschaft beitragen. Auch Canan Bayram, Sprecherin für Migrations-, Integrations- und Flüchtlingspolitik des Bündnis 90/Die Grünen Berlin, ist von dem Projekt begeistert: „Ich bin der Ansicht, dass das genau die Brücken sind, die die Gesellschaft braucht, um die verschiedenen Erfahrungen der Menschen so zusammenzubringen, dass jede und jeder seinen Beitrag in der Gesellschaft leisten kann“, äußert sie in der anschließenden Diskussion.

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Auf dem Podium geht die Diskussion um die langfristige Integration von Menschen mit Fluchthintergrund in die Medien weiter. Dr. Michael Rediske von Reporter ohne Grenzen fordert, dass mehr Migranten in den Medien publizieren, damit ihre Anliegen zur Sprache kommen. Auch Deutsche Welle-Journalist Jaafar Abdul Karim stimmt zu: „Es ist wichtig in Medienangeboten für Geflüchtete mutig zu sein und auch kritische und konfliktgeladene Themen innerhalb der Flüchtlings-Community anzusprechen“. Allerdings sei dabei der Aufenthaltsstatus ein Problem, merkt Alena Jabarine von WDRforyou. Das Online-Portal kreiert Inhalte für Geflüchtete, in der Redaktion arbeiten auch einige Menschen mit Fluchthintergrund. „Auf Grund der bürokratischen Hürden und fehlender Aufenthaltstitel, stellt sich die Frage, ob man Geflüchtete langfristig einstellt oft noch gar nicht“. Dass der Aufenthaltsstatus und damit die Arbeitsgenehmigung ein Problem ist, ist nicht nur den Medienhäusern und den Journalisten klar. Aufenthaltsgesetze müssten an die deutsche Realität einer Einwanderungsgesellschaft angepasst werden, bedenkt Canan Bayram.

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Selbst wenn der Wille von Seiten der Redaktionen da ist, Geflüchtete einzustellen, sind die Einstiegsschwellen oft zu hoch. Daher ist Dr. Michael Rediske der Meinung, dass es Projekte, wie das Integrationsvolontariat braucht, um jungen Leuten eine Chance zu geben. „Es muss Einstiege geben, die niedrigschwelliger sind, in dem Fall ein spezifisches Volontariat, für Flüchtlinge, wo eben auch nicht die perfekte Beherrschung der Sprache Deutsch vorausgesetzt wird“, so Rediske.

Medienhäuser sollten viel mutiger sein, Menschen mit Fluchthintergrund einzustellen, ermutigt auch Lorenz Maroldt. Und das über kurzzeitige Projekte und gezielte Integrationsinitiativen hinaus, fordert Karim: „Ich finde es wichtig, dass man erst den Journalist sieht und nicht den Flüchtling. Dass man ihn oder sie nicht nur in die Flüchtlingsecke stellt“. Er gibt den Tipp, proaktiv zu sein und auch bei Absagen immer weiterzumachen: „Es kann sein, dass es 100 Absagen gibt, aber die 101. klappt dann.“

Text: Jennifer Weese / Bilder: Martin Sznur