”Wir haben unsere Seelen berührt.“

Andreas Spechtl präsentiert sein zweites Soloalbum „Thinking About Tomorrow and How to Build it” im Acud Macht Neu. Begleitet wird er dabei vom iranischen Musiker Saba Alizadeh.

Schon länger hatte ich das Konzert von Andreas Spechtl, den meisten bekannt als Sänger der österreichischen Band Ja, Panik, auf meiner To Go Liste. Nicht etwa, weil ich Ja, Panik oder Saba Alizadeh besonders gut kannte – dessen Vater im Übrigen ein angesehener Meister der klassischen persischen Musik ist – sondern, weil ich mich als hier geborene Deutsch-Iranerin besonders für die Begegnung westlicher und iranischer Kultur interessiere.

Seit der langsamen Öffnung des Landes durch den reformistischen Präsidenten Rohani, steht das Land vermehrt im Interesse westlicher Touristen und offenbart dadurch mehr Menschen, neben seiner restriktiven Regierung, auch seine vielschichtige Gesellschaft. Diese spiegelt sich beispielsweise in der Underground-Kulturszene wider, innerhalb derer Künstler und Künstlerinnen offener ihre Ideen ausleben können. Durch ein zweimonatiges Stipendium des Goethe Instituts konnte Spechtl in die iranische Gesellschaft eintauchen und bekam durch seine Bekanntschaft mit Saba Alizadeh einen Zugang jenseits der Oberfläche.

„Ein Zentraler Punkt auf der Platte ist das Öffentliche und das Private, das sich vollkommen verschiebt, da das Private öffentlich wird. Teheran ist durchzogen von kleinen „safe spaces“, wo man sich trifft. Nach außen ist es komplett anders. Es war das erste Mal für mich, dass ich in so einem abgeschlossenen Land war. Und es war gut, dass ich durch Saba den Zugang hatte“, erzählt mir Spechtl, als wir uns im Backstage des Acud Macht Neu auf ein Gespräch bei einer Zigarette treffen.

Ohne einen konkreten Plan beschloss er in Teheran Konzerte aus Kompositionen zu spielen, die er zuvor dort aufgenommen hatte. Das Album „Thinking About Tomorrow And How To Built it“, das er erst in Berlin zusammenstellte, besteht zum Teil aus diesen Konzerten und Improvisationen. „Der Entstehungsprozess fand nicht, wie sonst alleine in einem zurückgenommenen Raum, sondern irgendwie öffentlich aber auch privat statt, in Wohnungen mit maximal 30 Personen. Das Konzert heute dagegen, ist eher die Präsentation des Endprodukts und fühlt sich ganz anders an.“

Andreas Specht sing mit ganzer Energie bei seinem Konzert im Acud Macht Neu in Berlin
Andreas Specht sing mit ganzer Energie bei seinem Konzert im Acud Macht Neu in Berlin

„Thinking About Tomorrow…“ ist für Spechtl eine sehr persönliche Platte

Während des Konzertes wird das Publikum eingehüllt in die atmosphärische Soundblase aus Spechtls Erfahrungen, immer wieder durchzogen von seiner Stimme, die repetitiv, fast meditativ Sätze singt, wie „The greater the distance, the clearer the view. Future memories are haunting you.“ Ich frage mich dabei, ob er damit seine eigenen Gefühle reflektiert, oder die der Menschen, die er auf seiner Reise getroffen hat. „Das sind alles Sachen von mir und ich finde es interessant, dass mich das dort so getriggert hat.“ Für den 33 jährigen ist es eine sehr persönliche Platte und keine, die sich in irgendjemanden hineinversetzt. „Aber natürlich geht man da rein als Person und hat all diese Dinge, die auf einen einstrahlen, wie ein Schwamm, der irgendwas anderes ausspuckt.“

Saba Alizadeh ist Teil einiger Songs an diesem Abend und eröffnet das Set mit dem Klang eines außergewöhnlichen Objektes: dem „Zanjir“, eine Art Kette die während des schiitischen Trauertages „Aschura“ zur Selbst-Geißelung genutzt wird. Interessant, das Instrument in dieser Form musikalisch „sprechen“ zu lassen. Später begleitet Alizadeh einen Song mit der „Kamantsche“, einem klassischen, persischen Streichinstrument. Hier tritt der aus westlicher Sicht „orientalische Sound“ am meisten hervor und vereint sich mit Spechtls Soundkomposition.

Saba Alizadeh begleitet Andreas Spechtl musikalsich mit seinem Zanjir.
Saba Alizadeh begleitet Andreas Spechtl musikalsich mit seinem Zanjir.

Wer mehr von diesem Einfluss klassischer persischer Instrumente erwartet hatte, kommt an diesem Abend nicht auf seine Kosten. Andreas Spechtl und Alizadeh präsentieren keine Culture-Fusion im Weltmusikstil. Alizadeh beschreibt mir später seine Zusammenarbeit mit Spechtl: “Als er nach Teheran kam, war ich so inspiriert, dass ich ihn bei allem beobachten wollte, worin er gut war. Für mich ist es eher eine Beziehung, als eine Kollaboration. Wir haben irgendwie eine Sprache gefunden, die miteinander verschmilzt und das bedeutet mir sehr viel.“

Die Platte soll vom Reflektieren über die Zukunft handeln. Diese, so Spechtl und Alizadeh, wird vor allem durch die Menschen aufgebaut, die vor Ort im Land sind. So wie Alizadeh, der nach einiger Zeit in den USA entschied, wieder in den Iran zurückzukehren. Ob die Musik der beiden auch zum „Tomorrow“ gehöre, dass es aufzubauen gilt? “Auf Jeden Fall. Ich und dieser österreichische Typ haben tatsächlich gegenseitig unsere Seelen berührt, um es auf die persische Art zu sagen.”

Andreas Spechtl, Scheri und Saba im Backstage des Acud Macht Neu
Andreas, Schahrzad und Saba im  Acud Macht Neu

Text und Bild: Schahrzad Zamankhan