Creative City Berlin: Not macht erfinderisch

Im beißend ironischen Film „Kapitalismus, eine Liebesgeschichte“ von Michael Moore gibt es eine Szene, die anrührt. Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen den US-Mediziner Jonas Salk, der in den 1950ern einen Impfstoff entwickelte gegen die damals noch verbreitete Kinderlähmung. Zur allgemeinen Überraschung ließ er seine Rezeptur nicht patentieren. Auf die Frage eines Journalisten, wer denn nun Besitzer des Patents sei, antwortet Salk: „Na, das Volk, oder nicht? Oder würde man etwa die Sonne patentieren?“ Salk hätte seine Entdeckung an einen Pharmakonzern teuer verkaufen können und wäre steinreich geworden. Er entschied sich dagegen. Es ist diese überspitzte Anekdote, die das Spannungsfeld verdeutlicht, in dem sich viele kluge Köpfe heutzutage befinden: Mache ich meine Talente in der freien Marktwirtschaft zu Geld? Oder ist meine Arbeit ein Dienst an der Gesellschaft?

Blinde können nun ins Kino

Womit wir beim Jubiläumsabend von „Creative City Berlin“ wären, der am Mittwochabend unter dem Titel „The Big Good Future“ im barocken Hause Podewil in Mitte stattfand. Creative City Berlin versteht sich mit 15.000 Mitgliedern als die zentrale Plattform für Kreative und Kulturschaffende in der Hauptstadt. Sie können sich hier vernetzen und Jobs finden. Der Slogan des Abends provoziert dabei. Die „Future“ wirkt auf viele gerade gar nicht „Big“ und „Good“. Jens Thomas, Chefredakteur der Plattform, will mit dem Titel natürlich ein bisschen anecken, aber es ist ihm schon auch ernst damit: „Wir fragen uns, was Lösungen für die Zukunft sind und welche heute schon im Kleinen praktiziert und gelebt werden.“

Einige Antworten liefern die 25 Ausstellerinnen und Aussteller, die an diesem Abend ihre Ideen und Produkte präsentieren. Das Unternehmen GRETA und STARKS beispielsweise. Seneit Debese entwickelte 2013 eine kostenlose App, die gehörlosen oder blinden Menschen ein Kinoerlebnis ermöglichen soll. Gehörlose können nun unkompliziert die Untertitel auf ihrem Smartphone verfolgen, das sich automatisch mit dem Kinofilm synchronisiert. Und Blinde können einen Kopfhörer an ihr Smartphone schließen, welches zusätzlich zum Kinosound sogenannte Audiodeskriptionen liefert. (Wenn der Film beispielsweise einen Mörder zeigt, der sich von hinten anschleicht, möchte die blinde Person das schon auch gerne erfahren – eben das wird durch die Audiodeskription erklärt.) Erfinderin Seneit Debese habe sich vor der Entwicklung gefragt: „Warum können wir auf den Mond fliegen – aber Blinde oder Gehörlose können immer noch nicht ins Kino?“ Gemeinsam mit Kollegen löste sie das Problem.

Kreativität, ein mächtiger Wirtschaftsfaktor

Einen Raum weiter spielt Dominik Sedlmayr Ukulele auf einer Keksdose. Das funktioniert wirklich. Der Ukulelen-Hals besteht aus Mahagoniholz, die Saiten werden an zwei gebogenen Gabeln gespannt, den Korpus bildet die Dose. Das ist „Up-Cycling“, also aus sogenanntem Abfall verwertbare Produkte gestalten. Sedlmayer arbeitet eigentlich im Ticketing-Bereich, das Gitarrenbauen macht er nebenbei. „Aber auch nicht primär, um die Umwelt zu schützen“, sagt er. „Es ist halt was Besonderes.“

Draußen im Garten des Hauses Podewil steht ein geräumiger Bauwagen. Oder treffender: ein winziges Haus, das auf einem Anhänger platziert ist. Der Architekt Van Bo Le-Mentzel hat es sich darin auf einem Sitzelement bequem gemacht und empfängt einfach Leute. Sein Ziel ist es, Menschen, die kein Grundstück besitzen, das Wohnen in einem Haus zu ermöglichen, durch sogenannte „Tiny Houses“. Dafür baut er Prototypen und stellt der Öffentlichkeit die Baupläne zur Verfügung. „Es gibt Leute, die keine Lust darauf haben, sich für einen Standort zu entscheiden und sich dafür auch noch hoch zu verschulden“, sagt Le-Mentzel. „Die fangen an, auf einem PKW-Anhänger ihr Haus zu bauen.“ Es handele sich bereits um eine ganze Bewegung, meint der ehemalige Rapper.

Aber wie finanzieren die Protagonisten ihre Projekte? Man hört von einer komplizierten Förderungs- und Subventionsarithmetik. Von Spenden und Crowdfunding, solche Sachen. Creative City Berlin berät die Kreativen in diesen Belangen, insbesondere zur öffentlichen Kultur- und Wirtschaftsfinanzierung. Fakt ist: Die Kreativwirtschaft erzielt in Berlin einen satten Umsatz von 20 Milliarden Euro jährlich. Es ist ein fetter Wirtschaftsfaktor, der sich aber oft gar nicht als kommerziell versteht. Und darum soll es auf der Jubiläums-Messe auch nicht gehen. Sondern: Was kann man von solchen Projekten lernen? Was kann vielleicht auch die Politik oder die ganze Gesellschaft davon lernen? „Das, was wir hier machen, rettet vielleicht nicht die Welt“, sagt Organisator und Chefredakteur Jens Thomas, „aber es kann sie ein bisschen besser machen.“

Text und Foto: Shea Westhoff