Benjamin Clementine in der Philharmonie Berlin: Der Prediger

Bei den zwei Gestalten, die da leise durch die Zuschauerränge huschen, handelt es sich wahrscheinlich um ein Pärchen. Jedenfalls hält der Mann die Hand der Frau fest umschlungen, gemeinsam wollen sie schnell noch zu ihren reservierten Plätzen. Sie tun das diskret, wie man es halt so macht, wenn man im respekteinflößenden Hauptsaal der Philharmonie zu spät zur Vorstellung kommt. Die Zuschauerränge sind wie eine Arena angeordnet, unten auf der Bühne steht Benjamin Clementine, der auf seiner Deutschlandtour Station in Berlin macht. Er blickt hoch ins Publikum, bemerkt das Pärchen. „Warum seid ihr so spät?“, fragt er auf Englisch und deutet auf die beiden. Ob sie noch Essen gewesen seien? Oder trinken? „Oh, the Germans!“, ruft er in gespielter Frustration.

Das möchte er in seinen Liedern erreichen: im Großen und Unübersichtlichen das Kleine entdecken. Das, was nachvollziehbar ist. In seinem Lied „Phantom of Aleppoville“ singt er von der Bosheit des Bürgerkriegs, indem er von Mobbing an Kindern spricht. Oder ist es umgekehrt – und er will die eigenen Traumata des Gemobbtwerdens mit der Hölle von Aleppo vergleichen? So ganz klar ist das nie bei Clementine. Was ist eigene Aufarbeitung, was politisches Statement?

„Already hate in this room“

Wenige Minuten vor der Show kommt er aus dem Raucherraum, geht durch die Kantine in den Bandbereich, um sich dort seinen blauen Overall überzuziehen, den er beim Konzert tragen wird. Der Londoner wirkt noch größer als in seinen Videos. Vielleicht liegt das auch an seinem Haar, das stramm zu einem immensen Turban hochgeflochten ist. Seine Hände sind lang und dünn, die Stimme zart. Sein erstes Studioalbum „At least for now“ war puristischer, er mit seinem Klavier und seiner Einsamkeit. Das aktuelle Album „I tell a fly“ ist experimenteller: Rhythmusbrüche, Falsett, Kirchenchor und Beats. Hat sich seine Botschaft verändert? „Nein“, sagt er. Das erste wie das zweite Album sei getragen vom Wunsch nach Frieden. „Jeder will Frieden, nur wollen das manche nicht zugeben.“

Benjamin Clementine auf der Bühne der Philharmonie
Benjamin Clementine mit Band – und vielen Mannequins. Foto: Shea Westhoff

Und so steht er dann um kurz nach acht Uhr unten auf der Bühne im Großen Saal und redet über „the Germans“. Er möge die deutsche Nationalmannschaft, insbesondere die bayerischen Spieler. Hat der Typ gerade Bayern gelobt – und womöglich sogar den Fußballverein gemeint?  Vereinzelte Buh-Rufe aus dem Publikum. „You don’t like Bavarians?“, fragt Clementine. „Already hate in this room. That’s not good.“ Er stimmt seinen bekanntesten Song „Jupiter“ an. Auf der Albumversion ist es ein besonderes Stück, das von Fremdheit und Ausgrenzung handelt. Aber da klingt es wie ein Popsong. Beim Konzert singt Clementine das Lied a Cappella, ohne Mikrofon. Jetzt ist es eine Hymne. Mehrere Besucher lehnen ihren Kopf zurück und schließen die Augen.

Frieden für 65 Euro?

Meist spielt der Londoner aber am schwarzen Flügel, begleitet von einem Bassisten und einem Schlagzeuger. Um Clementine herum sind kreideweiße weibliche Mannequins drapiert. Ihre Körperhaltung ist dem Klavier zugewandt, trotzdem scheint keine der Mannequins auf Clementine zu schauen, ihr Blick ist leer, geht am Londoner vorbei. Vielleicht hat er sich so gefühlt auf den Gehsteigen von Paris, wo er als obdachloser junger Mann betteln musste. Er wurde übersehen. Und jetzt, beim Konzert in der Philharmonie, sitzen etwa 2200 „Germans“, wahrscheinlich aus dem Bildungsbürgertum, dreißig bis sechzig Jahre alt. Und beachten ihn, weil er sehr gute Musik macht.

Es ist ein steiles Ansinnen Clementines, in der Berliner Philharmonie bei Ticketpreisen von bis zu 65 Euro Frieden zu predigen. Irgendwie reibt es an einem. War es eine tolle Show? Oh ja. Hat der Mann Frieden gebracht? Für diesen Abend, vielleicht.

Text: Shea Westhoff