transmediale 2016

Es ist transmediale in Berlin und ich bin vor Ort, um auf dem Festival für Medienkunst und digitale Kultur einen Workshop zu Whistleblowing zu besuchen. Was die transmediale genau ist? Ein traditionsreiches, internationales Berliner (Kunst-)Event, das medial auf sehr vielen Hochzeiten tanzt und im Kern schwierig zu beschreiben. Mit dem Leitmotiv „Angst im postdigitalen Zeitalter“ und den Unterpunkten anxious to act, anxious to make, anxious to share und anxious to secure sollte es einiges an Gesprächsbedarf geben.

Transmediale 2016

Der thematische Schwerpunkt der transmediale 2016 lautet conversationpiece. Dieser aus der Kunst stammende Begriff skizziert die Motivauswahl englischer Künstler des 18. Jahrhunderts. Diese malten oftmals das gesellige, inszenierte Bürgertum, das sich im familiären Rahmen dargestellt unterhielt.

George Thompson, his Wife and (?) his Sister-in-Law c.1766-8 by John Hamilton Mortimer 1740-1779
George Thompson, his Wife and (?) his Sister-in-Law c.1766-8 John Hamilton Mortimer 1740-1779 Bequeathed by Mrs Elizabeth Carstairs 1952 http://www.tate.org.uk/art/work/N06158

Highlight und Novum des Festivals ist die kommunikative Interaktion zwischen Besuchern und Referenten. Ziel soll es sein, die 28. transmediale nicht als Zurschaustellung digitaler Neuheiten zu inszenieren, sondern vielmehr in die Konversation zu gehen. Ein Blick auf das Programm genügt, um zu erkennen, dass dies erfolgreich umgesetzt wird. Es werden zahlreiche Talks angeboten, dank derer man gemeinsam mit Experten über die Ängste des postdigitalen Zeitalters sprechen kann.

Anxious to Secure

Jacob Appelbaum, Annegret Falter, Wolfgang Kaleck und Markus Beckedahl wurden eingeladen, um über Whistleblowing zu sprechen, ein Thema, dem der Begriff der Angst inhärent ist. Appelbaum, ein US-amerikanischer Internetaktivist, freier Journalist und Spezialist für Internetsicherheit eröffnet die Runde mit einem Zitat von Julian Assange:

The goal is justice. The method is transparancy.” – Das Ziel ist Frieden. Und Frieden kann nur durch Transparenz erreicht werden.

Auf das Zitat des australischen Journalisten, Internetaktivisten, Programmierer und Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks folgt eine Vorstellungsrunde der Experten.

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Markus Beckedahl ist netzpolitischer Aktivist, Chefredakteur und Begründer des seit 2002 bestehenden Blogs netzpolitik.org. 2015 kam es aufgrund der Veröffentlichung eines Berichts mit geheimen Informationen zu Ermittlungen gegen ihn wegen Verdachts auf Landesverrat.

Wolfgang Kaleck ist deutscher Anwalt und hat Edward Snowden vertreten. Er ist Generalsekretär des Europäischen Zentrums für Verfassungs- und Menschenrechte.

Annegret Falter ist eine deutsche Journalistin und Referentin, die zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Whistleblowing schrieb. Sie ist Mitglied in der Wirtschaftsprüfkammer und war von 1999-2014 Vorstandsvorsitzende von Whistleblower Netzwerke e.V.

Jacob Appelbaum ist ein US-amerikanischer Internetaktivist, freier Journalist und Spezialist für Internet-Sicherheit und hat intensiv an der Bereitstellung der Auswahl an Edward Snowden-Dokumenten mitgewirkt.

Der Talk

Dann wird der Talk freigegeben für die Fragen des Publikums. Auf die Frage eines entrüstet wirkenden Besuchers, weshalb nur fünf Prozent der Dokumente Edward Snowdens für die Öffentlichkeit zugängig seien, antwortet Applebaum, dass er dies auch nicht nachvollziehen könne. Er findet, jedes einzelne Dokument sollte im Internet der breiten Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.

Annegret Falter ist gegenteiliger Meinung. Ihrer Aussage nach sollten die unbearbeiteten Dokumente erst dann veröffentlicht werden, wenn sie in ihrer Vielzahl durchgeschaut wurden, um einer Massenpanik vorzubeugen. In den Snowden- und WikiLeaks-Dokumenten seien hochsensible Informationen vermerkt, diese könne man nicht ohne weiteres jedem in die Hände geben.

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Das Whistleblower-Gesetz

Falter macht darüber hinaus deutlich, dass es bis heute kein Whistleblower-Schutzgesetz gebe. Sie führt aus, dass der Durchbringung dieses Gesetzes Steine in den Weg gelegt würden, sowohl seitens der Politik als auch der Wirtschaft. Laut Frau Falter nutzen Großunternehmen  ihre Beziehungen zur Politik, um ihre Betriebsgeheimnisse langfristig zu schützen.

Auch Wolfgang Kaleck priorisiert den Schutz der Whistleblower: „Wir als Journalisten sind für unsere Quellen verantwortlich“. Er geht davon aus, dass sich der Prozess zur Gesetzesentwicklung erst dann weiter entwickelt, wenn die Gesellschaft aktiv wird. Die Aufmerksamkeit der Politik ließe sich ausschließlich dadurch wecken.

Journalisten, die als Besucher der transmediale im Panel sind, äußern besorgt die Frage nach ihrem eigenen Schutz und der Verantwortung. Wie sicher sind sie, wenn sie mit Inhalten von Whistleblowern arbeiten? Fest steht, dass die Journalisten, neben den Whistleblowern, durch die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland nicht hinreichend geschützt werden.

Angst vor Konsequenzen

Einige Besucher äußern ihre Sorgen und mehr noch: sie haben tatsächlich Angst. Lösungsvorschläge werden im Publikum laut. Eine junge dänische Studentin meldet sich zu Wort. Sie lernt in ihrem Informatik-Studium, Whistleblower-Dokumente zu dechiffrieren. Ein Umstand, der im Publikum zu regem Beifall führt. Sie fragt in die Runde, wie sie Familie und Bekanntenkreis erreichen und „für die Sache“ überzeugen könne. Viele im Plenum haben sich diese Frage ebenfalls schon gestellt und erzählen von ihren Erfahrungen und Versuchen, die jedoch meist erfolglos blieben.

Der Workshop klingt mit Überlänge aus. Ein Blick in die Gesichter der Teilnehmer verrät mir, dass letztlich der erfolgreiche Austausch im Workshop kollektiv Sorgen und Ängste gebannt hat und dafür sorgt, sie für einen Abend lang auszuräumen.

Daher bin ich schon sehr gespannt auf die nächste Transmediale und das nicht zuletzt, um zu schauen, ob die Akteure dem Ziel der Gerechtigkeit im postdigitalen Zeitalter durch die Methode der Transparenz ein Stück näher kommen konnten.

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SERVICE

Die Transmediale fand vom 02.02.2016 bis zum 07.02.2016 im Haus der Kulturen in Berlin statt.
Transmediale 2016