Stadt nach Acht: „Wir haben den Leuten Freiheit gegeben“

Konzerte, Clubs, Partys, Raves – egal wie wir es nennen, wir brauchen Freiräume zum Feiern, um mal locker zu lassen und auf andere Gedanken zu kommen. An diesen Orten lassen wir im besten Fall soziale Zwänge am Eingang zurück und geben uns für wenig nächtliche Stunden ganz den gesellschaftlichen Taboos hin. Lust, Freude und Vergnügen sind das oberste Gebot, keine Frage. Gerade diese Freiräume aber, an denen Menschen zusammen kommen, um Grenzen auszuloten und mit Taboos zu brechen, die sonst im Alltag nur leise oder gar nicht in Frage gestellt werden können, bieten großes Potential für politische Energie und aktivistischen Intentionen. Mit Politik bringen die Wenigsten das Nachtleben in Verbindung. Das Panel „Rave Diplomacy: Nightlife and its influence on society vs its challenges from political climate“ hat sein Publikum bei der dreitägigen Konferenz Nights 2017 – Stadt nach Acht eines Besseren belehrt. Schon zum zweiten Mal findet die internationale und interdisziplinäre Veranstaltung im Watergate und im Musik und Frieden in der zweiten Novemberwoche statt. Mit den vier Hauptthemen, die sie rund um das Nachleben bedient – Wirtschaft, Kultur, Stadtentwicklung und Gesundheit – ist sie weltweit die größte ihrer Art. Darauf ist Marc Wohlrabe, Mitgründer der Berliner Clubcommission und einer der Veranstalter stolz.

Dieses Jahr lag ein weiterer Schwerpunkt auf der Frage, wie sich die Club- und Festival-Kultur im Spannungsfeld zwischen Hedonismus und einem restriktiven politischen System bewegt. Auf dem Panel sitzen fünf Speaker*innen aus jeweils Brasilien, Georgien, Serbien, Israel und aus der Türkei und sie alle sprechen über die politische Dimension der Clubkulturen in ihren Ländern. DJ Carol Schutzer zum Beispiel erzählt wie in São Paulo durch horrende Eintritts- und Getränkepreise bestimmte soziale Gruppen aus der Elektro-Szene ausgeschlossen werden. Promoter Miloš Pavlović erinnert sich, wie Belgrader Clubs in den 90ern ein Zufluchtsort vom Krieg waren. Auch Ayed Fadel saß mit auf dem Panel. Er ist Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Mitbegründer des palästinensischen Kunstkollektivs Jazar-Crew in Israel.

Carol Schutzer, Ümit Şenol, Giorgi Kikonishvili, Miloš Pavlović und Ayed Fadel (v.l.n.r.) diskutieren bei Stadt nach Acht über die politischen Dimensionen des Nachtlebens.
Carol Schutzer, Ümit Şenol, Giorgi Kikonishvili, Miloš Pavlović und Ayed Fadel (v.l.n.r.) diskutieren bei Stadt nach Acht über die politischen Dimensionen des Nachtlebens.

„Der einzige Grund warum wir als Gruppe existieren, ist aufgrund der politischen Situation, in der wir uns befinden“, beginnt Ayed zu erzählen. Er ist einer von etwa 1,7 Millionen Palästinenser*innen, die als Minderheit im Staat Israel leben. Aufgrund der fast 50-jährigen Besetzung habe die palästinensische Community in Israel kaum Möglichkeiten gehabt, um eine eigene Clubkultur zu errichten: “Ein Nachtleben entsteht von Menschen, die unabhängig und frei sind, die dann ihre eigenen Subkulturen errichten. Aber unsere Familien und Eltern ging es seit der Besetzung nur noch ums Überleben; alles was sie taten, war, um uns zu ernähren, uns Bildung zu ermöglichen.” Die Feiermöglichkeiten begrenzten sich auf Hochzeiten, Geburtstage und andere private Anlässe. In israelischen Clubs zu feiern, war für Ayed und seine Freund*innen keine Option: „Uns wurde der Zugang verwehrt und blockiert – einzig weil wir Araber*innen sind. Und die Methode, die sie (die Türsteher*innen; Anm. d. Red) nutzten, um unsere Identität zu erfahren, ging über das Fragen nach dem Militärausweis.“ In Israel gilt für alle Israelis eine Wehrpflicht, außer für ethnische Palästinenser*innen trotz ihrer israelischen Staatszugehörigkeit, weshalb sie keine Militärausweise besitzen. Diese Form der diskriminierenden Türpolitik sei gängige Praxis gewesen, um Palästinenser*innen vom israelischen Nachtleben auszuschließen.

Die Bedürfnisse der Marginalisierung in der israelischen Gesellschaft entgegenzuwirken und Freiräume für Palästinenser*innen zu schaffen, gaben der Jazar-Crew vor etwa sieben Jahren den Startschuss. Was als illegale Partys mit durchschnittlich 50 Partygästen begann, wuchs über die Jahre auf Veranstaltungen mit bis zu 1000 Feiernden und ist heute eine etablierte Untergrundszene in Israel. Das Restaurant „Kabareet“ in der Stadt Haifa ist eine Art Hauptquartier. Auf unseren Parties praktizieren wir Freiheit, wir praktizieren unser eigenes Selbst, unsere eigene Identität, unsere eigene Sprache“, beschreibt Ayed dem Publikum. Die Gründungsumstände und die Entwicklung der Jazar-Crew zeigen, wie ein Nachtleben nicht ausschließlich eine Zeit des Vergnügens jenseits politischer Intentionen sein muss. Clubs und Parties bieten Räume für Identitätsbildung, für kreativen Ausdruck, und oder für politischen Widerstand, politische Vernetzung und politisches Empowerment. Auch in Berlin werden Clubräume immer wieder von Veranstalter*innen und Kollektiven angeeignet, um das Nachtleben mit politischem Duktus zu versehen, wie z.B. die queerfeministische HipHop-Veranstaltungsreihe hoe__mies, oder dem We Make Waves, ein Festival mit Workshops, Panels, Konzerten und einem rein weiblichen Booking. Und das sind nur zwei von Vielen. Gut, dass Nights 2017 – Stadt nach Acht diesen Diskurs durch die internationale und interdisziplinäre Ausrichtung ein bisschen weiter trägt.

Text und Bild: Esra Karakaya

Beiträge zu Stadt nach Acht aus 2016 findet ihr hier und hier.