Meine erste Berlin Art Week

Eine Frau lebt tagelang im Käfig bei der mision mischen 88, zwei Männer erzeugen mit Es ist wie es ist tagelang Geräusche in einem Raum, ein Hirn liegt stundenlang auf dem Boden und hinter den Türen des Bilderkellers der Akademie der Künste eröffnen sich mir malerische Kunstwerke aus DDR-Zeiten. Die Berlin Art Week steht an und alle stehen Kopf.

In diesem Jahr findet das sechstägige Kunsthighlight zum fünften Mal statt. Mit zeitgenössischer Kunst als Schwerpunkt der Großveranstaltung  finden zahlreiche in-und ausländische Kunstinteressierte  in der ganzen Stadt Orte, an denen sie Kunst erfahren können. Berlin soll als Kunstmetropole gestärkt werden und unter Anderem vor Allem auch Kunstsammler und -händler anziehen, um den attraktiven Kunstmarktplatz zu erhalten.

Die zwei großen Kunstmessen Art Berlin Contemporary (ABC) und Positions als Highlights der Kunstwoche und weitere zahlreiche Veranstaltungen in Form von Performances, Installationen, Ausstellungen, Talks, Filmvorführungen und weiteres in verschiedenen Locations, wie beispielweise: Museen, Galerien und Privatsammlungen, umfassen das große Spektakel.

Auf der mision mischen 88

Mein erster von zwei Tagen startet im Kunsthaus KuLe. Kunsthaus, Kunst und Leben. In diesem fünfstöckigen Altbau lebt und arbeitet die KuLe-Gruppe seitdem sie 1990 das Haus in der Auguststraße 10 besetzt hat. Mit mision mischen 88 startet KuLe unter der Kuratorin Heike Maria Unvorstellbar in die Berlin Art Week.

Als ich das Haus betrete, stehe ich in einem Raum mit einem Podest, worauf ein ein Quadratmeter großer Käfig steht. Darin sitzt eine junge Frau gerade auf einer Matratze, spielt an ihrem Laptop herum und lässt einen alten Song von Paul Kalkbrenner laufen. Sie wirkt beschäftigt und genervt. Ich lese mir ihren Text durch, der vor ihrem eingerichteten Käfig ausgelegt ist. Der Text spricht mich an, also spreche ich Sarah Teichmann an.

Sarah Teichmann in ihrem selbst gebauten Käfig.
Der kleine Vorläufer von Teichmanns 1qm großem Käfig.

Es ist ihre erste Performance und ihr erstes Projekt, welches sie sich seit zwei Jahren gedanklich ausmalt und vor einem Jahr in kleiner Version ausstellt. Ein kleiner wohnlich eingerichteter Käfig.

Ich nenne sie mal das Cage-Mädchen. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass sie den Text aus Widerspruch  gegen die Aussage einer Radiosprecherin schrieb. Diese behaupte, Sarah sei mit ihrem Projekt auf das Thema Obdachlosigkeit aus. Zwar beschäftigt sie sich gerne mit Themen am Rande der Gesellschaft und ist auch inspiriert von den „Cage People“, die tatsächlich in Käfigen wohnen, dennoch ist ihr Bezug ein anderer.

Der Käfig steht für Muster, in die man oft zurückfällt. Verhaltensmuster, aus denen man teilweise ausbrechen will, aber manchmal nicht so einfach kann. Work in progress betreibt das Cage-Mädchen, das raus aus der Norm und dem Druck der Gesellschaft will. Für die gesamte Week will Sarah in ihrem Käfig bleiben. Ein Selbstexperiment für sich und Interessierte. Ein Statement, das womöglich viele zum Nachdenken anregt.

Schon die erste Nacht setzt ihr zu und lässt ihr keinen Schlaf. Die kurze Zeit die sie bisher im Käfig verbracht hat, hat schon eine Menge in ihr ausgelöst. Mit glasigen Augen sagt sie, ihr sei viel klar geworden nach diesen zwei Tagen.

Von wegen „Kunstfreie Zone“

Im Raum nebenan sind Hille und Moellhusen auf der Spur nach „noch nicht verbrauchten Klängen“, so Moellhusen. Diese Performance, Es ist wie es ist, sei fünfteilig und würde fünftägig während der Art Week fortgesetzt. Ich bekomme also Teil eins mit. Als ich den Raum betrete, lasse ich die Töne auf mich wirken, gedankenlos, frei und offen.

Stühle stehen in Reihe angeordnet als wären sie für Publikum. Sind sie wohl auch. Da keiner dasitzt, werden die Stühle, außer der auf dem ich sitze, jedoch verschoben, gestapelt, es wird mit einer leeren Club-Mate-Flasche darauf geklopft, die Wand langgestreift , und die Stühle werden wieder in Reihe aufgestellt. Es wird eine Kommodenschublade geöffnet und geschlossen, Dinge werden in die Luft geworfen und fallen zu Boden.

Mit der Prämisse ihr Raum sei eine „Kunstfreie-Zone“ und könne dennoch Kunst sein, sagt Moellhusen, gehe er das Projekt an. Die beiden Künstler erzeugen abstrakte und konkrete Geräusche. Künstlich erzeugte abstrakte Klänge, die aus dem Mischpult kommen, im Zusammenspiel mit konkreten im Raum entstehenden Geräuschen. Alles entsteht im Augenblick. Das sei keine Arbeit sondern „ein Spiel mit den Möglichkeiten“, so Hille.

Der Versuch etwas zu entdecken, was man bisher noch nicht erlebt hat, ist das, was die beiden redseligen Herren erleben wollen. Ihr Publikum soll für solch ungewohnte Klänge sensibilisiert werden. Die Geräuschattacken waren teilweise ziemlich laut und verstörend. Diese massive Kraft der lauten und auch leisen, sanften Klänge hat mich emotional beeindruckt.

Nach den intensiven Gesprächen mit Hille, Moellhusen und Teichmann, lungere ich noch etwas im Kunsthaus herum….

…. Fortsetzung folgt……

Autorin: Mai Itskovich