Clubstiftung für Berliner Nachtkultur

Die Berliner Clubcommission wird 15 Jahre alt! Diesen Geburtstag feiert sie aber weniger ausgelassen als vielleicht erwartet. Vielmehr gilt es sich in dieser Woche mit den ernsteren Themen und Problemen der Clubszene auseinander zu setzen und gleichzeitig Perspektiven zu erkennen. An diesem letzten Novemberwochende entsteht deswegen im Musik & Frieden und dem Watergate eine europäische Konferenzreihe. STADT NACH ACHT nennt sich das Ganze und bringt 200 Speaker, 200 Teilnehmer und 100 Freiwillige zusammen, die gemeinsam diskutieren, überlegen und visionieren. Die vier Grundsäulen, die dabei als Schwerpunkt behandelt werden sind Stadtentwicklung, Kreativwirtschaft, Kultur und Gesundheit sowie Sicherheit. Wichtig ist der Austausch verschiedener Branchen, wenn man etwas bewegen und verändern möchte, damit im Diskurs zum vielseitigen Nachtleben nicht jeder immer nur in seinem abgeschlossenen, stillen Kämmerlein vor sich hinbrütet. So auch die Kernmessage der Speaker vom ersten Pannel, das ich heute im MuF besuche.

Spannende Talks im Musik & Frieden
Spannende Talks im Musik & Frieden

ANSTIFTUNG ZUM EXPERIMENT – Stiftungen für Stadtentwicklung und Nachtleben

(Eine Diskussion)

Ich finde mich zur Mittagszeit im Blue Room ein. Im Gegensatz zur vorigen Opening-Session ist der Raum eher spärlich besucht, da sich das Publikum auf eine Vielzahl gleichzeitig stattfindender, spannender Talks aufteilt. Die wenigen Zuhörer entpuppen sich als Clubbetreiber, Open-Air- und Kleinveranstalter.

Die beiden Speaker Rainer Grigutsch und Karsten Schölermann sind Mitbegründer der Clubstiftungen Berlin und Hamburg. Nina Lütjens von der Clubcommission Berlin leitet den Talk. Mir persönlich ist zu Beginn gar nicht klar, wozu man eine Clubstiftung eigentlich braucht. Diese Frage wird jedoch schnell von selbst geklärt: Die Clubstiftung gilt als Kommunikationsplattform und ist da, um allen Clubbetreibern die gleichen Chancen zu ermöglichen. Diese Vision wird zwar jetzt schon angegangen, hat aber noch lange nicht die Ziele erreicht, die sich die Mitglieder gesetzt haben.

Clubs und deren Betreiber in Großstädten stehen immer wieder vor großen Herausforderungen und Problemen. Die Stolpersteine die ihnen in den Weg gelegt werden sind schlicht und ergreifend Gesetze, die das Gemeinwohl und die Gesundheit vertreten. Diese schaffen es aber in den wenigsten Fällen der Clubkultur den angemessenen Respekt zu erweisen. Auf politischer Ebene ist Clubkultur nämlich nicht gleich Kultur oder dem Gemeinwohl nützlich. Je unmittelbarer die Kunst an den Zuschauer gebracht wird, desto höher ist sie gestellt. Dementsprechend ist es schwierig zu argumentieren, dass der DJ im Club und der Sänger auf der Bühne künstlerisch gleichwertig zu betrachten sind. Je mehr Livemusik in einem Club gespielt wird, desto höher ist der kulturelle Wert in politischen Diskussionen. Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass sich unsere Definition von „Erholung“ in heutigen Zeiten möglicherweise geändert hat, und ausgelassenes Tanzen sowohl kulturellen als auch erholsamen und gesundheitlichen Wert haben kann – wenn man sich nicht gerade maßlos volllaufen lässt. Gleich dem Motto „Clubben ist auch Sport“.

In Berlin gibt es eine unfassbare Dichte an Clubs. Dass die immense Vielfalt der Feiermöglichkeiten einen großen Teil des Charmes unserer Stadt ausmacht, steht außer Frage. Massen an Menschen kommen nach Berlin, um die Freiheit und das hedonistische, offene Lebensgefühl zu erfahren. Dabei sind gerade die kleinen, nicht kommerziellen Partystätten sehr interessant und gefragt. Nur haben es diese am schwersten im Geschäft. Damit sich das ändert, gibt es die Berliner Clubstiftung. Sie versucht den kleinen Clubbetreibern eine Stimme zu geben und die Clubkultur zu fördern.

Nun stellt sich die Frage wieso es unbedingt eine Stiftung sein muss, die den machtlosen Clubbetreibern aushelfen soll. Das hat laut Karsten Schölermann vor allem finanzielle Gründe. Nur die Verbände, die den „Stempel der Gemeinnützigkeit“ tragen, können Spenden als Geldmittel annehmen. Dabei sind es gerade auch die kleinen Spielstätten, die nicht nur mit einem Musikaufgebot aufwarten, sondern auch mit Zirkus, Theater, politischen Talks oder Filmvorführungen und mit ihren Programmen weit über das übliche Partymachen hinausgehen.v Viele junge Kollektive nutzen das Geld, das mit solchen Veranstaltungen generiert wird, um Räume für soziales Engagement zu schaffen. Die Anarche beispielsweise – ein ca 5 x 14,8 Meter großes Floß, das derzeit in der Rummelsburger Bucht liegt, wurde hauptsächlich über Partys finanziert und nutzt ihre kleine Fläche nun, für Migrationstheater, Kooperationsveranstaltungen mit Vereinen wie Women in Exile, Sommerfeste, und Konzerte. Trägt das nicht zum Gemeinwohl einer Stadt bei?

Den Mitgliedern des Clubverbandes geht es zudem nicht um Kommerzialisierung oder Geldmacherei, auch wenn Clubbetreiber oftmals mit diesem Vorwurf der „Kulturwirtschaft“ zu kämpfen haben, wie die Speaker immer wieder schweren Herzens betonen. Ihnen ist wichtig, dass den Menschen in den Großstädten weiterhin die Feierkultur und das Zusammensein ausleben können. Hierbei geht es um den gesellschaftlichen Aspekt, der verloren gehen würde, wenn wir das Geschehen in Berlin so weiterlaufen lassen. Wenn wir der Gentrifizierung zusehen und einen Club nach dem anderen schließen lassen. „Nichts ist nachhaltiger als Erinnerungen!“, höre ich vom enthusiastischen Speaker Karsten aus der Weltstadt an der Elbe. Er schaut hoffnungsvoll in die Zukunft – und das zu Recht!

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Weitere Talks im Watergate

In Hamburg hat die Clubstiftung bereits erste Erfolge erzielen können. Man hatte kleinen Betreibern bereits helfen und Anfangskapital für weitere gute Zwecke vermehren können. Die Verbände müssen sich aber zusammenschließen, um eine Machtposition in politischen Entscheidungen zu bekommen, plädiert Schölermann. Auch die kleinsten Veranstalter sollten sich mit ihren Anliegen an die Stiftung wenden, ihre Verbesserungsvorschläge mit Inhalten füllen und dem Clubsterben so in Zukunft ein Ende setzen. Seine Vision in zehn Jahren ist es, das Kapital der Stiftung zu erweitern, sei es sogar durch das größte Crowdfunding, das die Welt je gesehen hat. Jeder Mensch, der ein Herz für die Hauptstadt und das Nachtleben hat, würde laut dem erfahrenen Clubinhaber mit Sicherheit etwas dazu beisteuern. So können schätzungsweise Beträge im Zehnmillionenbereich entstehen, mit denen man das RAW Gelände endgültig aufkaufen und den Investoren ein Schnippchen schlagen könnte. Man kaufe mit dem Geld zehn bis zwanzig Grundstücke für die Clubkultur, die ihnen auf ewig gehören und diese Szene erhalten lassen würden. Es klingt fast utopisch, aber das scheint es nicht zu sein. Schließlich ist so aus der weltweit legendären Bar25 und dem Katerholzig auch das heutige Kater Blau und der vielseitig genutzte Holzmarkt entstanden, denn eine Schweizer Pensionskasse hatte 2012 mehr als zehn Millionen Euro investiert, damit die Betreiber das Gelände kaufen konnten. Auch der aktuell gewählte neue Senat lässt Hoffnungen aufflammen.

Das interessierte Publikum beim Talk auf dem Mainfloor im Watergate.
Das interessierte Publikum beim Talk auf dem Mainfloor im Watergate.

Urbane Mythen – Eine Diskussion im Watergate

„Clubszene bedeutet Lebensqualität“

Ein besonders spannendes Panel erwartet mich um 16:30 Uhr im Watergate auf dem Main Floor. Als Speaker geladen sind erneut der Inhaber des Knust Clubs in Hamburg Karsten Schölermann, Mitbegründer der Clubcommission Marc Wohlrabe, der Großstadtbeauftragte der CDU Kai Wegner sowie Prof. Dr.-Ing. Thomas Krüger als Moderator der Runde. Die Speaker wollen der Frage nachgehen wie die Stadtentwicklung der wachsenden Pluralisierung von Lebensstilen und Kulturen Rechnung tragen und Nutzungskonflikte vermeiden kann.

Thomas Krüger wirft gleich zu Beginn die grundlegende Frage in den Raum: Was ist denn überhaupt das Problem, das uns heute alle zusammen führt? Die Antwort ist verwickelt in unterschiedlichste Lebensbereiche. Grundsätzlich ist die Verdichtung der Kulturräume in den Großstädten der Knackpunkt. Kulturstätten werden immer weiter in Randbezirke verdrängt. Kreative Räume begeben sich immer weiter in die Peripherie. Schnell wird klargestellt: das Clubleben ist keine Gesundheitsgefährdung, wie in Konflikten vorgeworfen wird, sondern Lebensqualität. Die Gentrifizierung, die immer mehr in den Großstädten und vor allem in Berlin erfolgt, bringt viel mehr Konsequenzen mit sich, als gedacht. Die in zentralen Gegenden liegenden Inspirations- und Nachwuchsplattformen gehen verloren und damit auch das kulturelle Miteinander. DAS FLAIR, der die Gegenden eigentlich ausmacht, verwelkt.

Heute dürfen wir ausnahmsweise unsere Kamera mit ins Watergate nehmen.
Heute dürfen wir ausnahmsweise unsere Kamera mit ins Watergate nehmen.

Dem anwesenden CDU Politiker Kai Wegner werden rasch viele Fragen an den Kopf geworfen. Schnell entpuppt er sich als Mitspieler in den Anliegen der Clubcommission. Er will helfen und vermitteln und gemeinsam Verbesserungen in politischer Hinsicht bewirken. Auch er spricht im Namen der Politik und stellt klar, Anliegen Einzelner nicht das Gemeinwohl gefährden dürfen. Dementsprechend verpönt er einzelne Anwohner, die durch ihre Klagen ansässige Clubs in den Ruin treiben. Es sind viele Probleme, die auf Bundesebene zusammen kommen. Für ihn ist klar: Es müssen Koalitionen entstehen, um die Anliegen der Clubbetreiber durchzusetzen und der Clubkultur eine Machtposition und Mitspracherecht zu ermöglichen. Man müsse sich aber gemeinsam an Gremien wenden. Jeder Einzelne wird aufgerufen seine Interessen an Verbände wie der Clubcommission zu vermitteln, die sich letzten Endes mit Politikern an einen Tisch setzen möchte.

Um die Lebensqualität in Bezirken zu halten, gibt es anscheinend eine unausgesprochene Regelung: maximal 80% Wohnen, 20% Kultur. Berlins Image ist schließlich maßgeblich durch den Kreativbestand in dieser Stadt geformt. Erneut plädiert Karsten Schölermann, dass es bei der ganzen Sache keineswegs um eine sogenannte Kreativ-Wirtschaft, sondern um den gesellschaftlich kulturellen Aspekt des Clublebens geht. Clubs fördern heißt Gemeinwohl pflegen.

Blick aus dem Fenster des Watergate auf die ALEX-Crew
Blick aus dem Fenster des Watergate auf die ALEX-Crew

Besonders gefällt mir, wie der Politiker Kai Wegner versucht, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und zu vermitteln. Für ihn ist die ganze Angelegenheit eine Frage der Kommunikation. Auch die Politik hat jüngst erkannt welche falschen Entwicklungen sich in den letzten Jahren zugetragen haben. Auch Bauunternehmer haben ein Interesse daran die Lebensqualität in den betroffenen Zonen aufrecht zu erhalten. Sogar die Polizei möchte mitarbeiten und für ein besseres Stadtbild beitragen. Auch wenn die Exekutive von Marc Wohlrabe kritisch beäugt wird. Er versteht nicht wieso die Beamten narkotisierte Nachtschwärmer statt tatsächlich Krimineller verfolgen.

Zum Schluss wird klar, wie sehr das ganze Thema in alle Lebensbereiche, wie Wohnen, Stadtplanung, Gesundheit, Sicherheit, Umwelt und sogar Bildung verwickelt ist. Es ist kein leichtes Unterfangen, aber es wird deutlich: Vertreter unterschiedlichster Interessen müssen so schnell es geht zusammenkommen und Lösungswege finden. Kai Wegner betont: Eine Win-Win-Situation ist durchaus möglich. Die Clubbetreiber bedürfen einiger Hilfe und Unterstützung, aber haben ja auch zu bieten, was von großer Bedeutung für Berlin ist. Im Schlusswort wird der Clubcommission für diesen großartigen impulsgebenden und klärenden Event gedankt. Ich kann dieses Lob nur teilen. Jeder Beteiligte, sei er auch nur leidenschaftlicher Clubbesucher, sollte Teil dieser Diskussion zu werden. Bitte mehr davon.

Ich habe zwar vom Clubsterben mitbekommen und miterlebt, wie mehr und mehr Einrichtungen schließen mussten. Welches Ausmaß das in den Großstädten annehmen könnte, speziell in Berlin, wird mir erst heute auf dieser Veranstaltung bewusst. Zugleich beeindruckt es mich, die Euphorie und den Tatendrang der Speaker mitzuerleben und die möglichen Perspektiven aufgezeigt zu bekommen. Die Konferenz zeigt alle Problembereiche auf, die einer normalen Clubgängerin wie mir sonst eher verborgen bleiben. Ich bin gespannt welches Schicksal der Berliner Clubkultur die weiteren Speaker erahnen werden und welche konkreten Vorhaben geplant sind.

ALEXIaner bei der Arbeit im Musik & Frieden
ALEXianer bei der Arbeit im Musik & Frieden

Heute gibt es übrigens noch ein paar Talks und DJ-Sets für einen schmalen Taler in der Wilden Renate.

Außerdem waren auch meine Kolleginnen Jennifer Weese und Julie von Wangenheim am Donnerstag und Freitag vor Ort und haben sich mit verschiedenen Playern unterhalten. Was sie dabei herausgefunden haben, könnt ihr hier nachlesen und nachschauen.

AUTORIN: Viktoria Rachwol