i,Slam — Die Große Preisverleihung

i, Slam – Preisverleihung

Ich bin viel unterwegs in diesen Tagen. Gestern noch in der alten, illuminierten Ruine der Klosterkirche und heute direkt am Brandenburger Tor, am Pariser Platz 3. Das ist an diesem Samstag vor Weihnachten, die Location der großen Preisverleihung von i,Slam. Was ist i,Slam überhaupt? i,Slam ist einer Berliner Gruppe, die sich vor fünf Jahren gegründet hat, um jungen Muslim*innen eine Bühne zu bieten, die ihre selbst verfassten Texte einem Publikum vorstellen möchten. Ganz nach dem Vorbild des schon bekannten amerikanischen Poetry-Slam. Was heute hier in diesem Gebäude stattfindet, ist trotzdem ein Novum. Erstmalig vergibt der Verein Preise im Wettbewerb, für gesellschaftskritische Kunst.

Bevor die Veranstaltung überhaupt losgeht – es wurde um Pünktlichkeit und festliche Kleidung gebeten – ist man schon beeindruckt von dem Gebäude und seiner Architektur. Nach dem Abgeben der Jacke, geht es über eine Art Steg, von dem man die voll bestuhlte Lobby aus sieht, die Treppe hinunter zum Ort des Geschehens. Wirklich pompös hier. Durch die verglaste Kuppel fühlt man sich fast so, als säße man im Plenarsaal des Bundestags. Der ist ja auch nicht weit entfernt. Und wer weiß, vielleicht in fünf Jahren wird das die Location dieser Award Verleihung sein.

Mit 15 Minuten Verspätung geht die Preisverleihung los. Typische akademische Viertelstunde, verlauten die Projektleiter*innen. Die zwei Moderatoren, Youssef und Leila, die auf der einen Seite zum Gründerteam der Gruppe i,Slam gehören und sich auf der anderen Seite um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern, führen durch den Abend. Sie werden mit einem wirklich warmen Applaus empfangen. Danach folgt der Image-Film der Preisverleihung, mit gar majestätisch unterlegter Musik. Es kann also losgehen.

Publikum

Vier Kategorien werden heute hier prämiert: Visual Arts, Video, Musik und Literatur. Jeweils die von einer Jury ausgewählten erst- bis drittplatzierten Teilnehmer des Wettbewerbs dürfen sich über eine gläserne Trophäe freuen und ein sattes Fördergeld. Platz 3 bekommt 2.000 Euro Förderung, Platz 2 sogar 3.000 Euro und die Gewinner*innen stolze 5.000 Euro. Es geht also um wirklich was an diesem Abend.

Moderator Youssef begrüßt das volle Haus charmant und lustig. Man merkt wie aufgeregt er heute, an diesem wichtigen Abend für i,Slam ist. Lustigerweise wird auch der deutsche Verfassungsschutz am heutigen Abend willkommen geheißen. Das sorgt natürlich für Lacher im Publikum. Doch Youssef legt direkt nach mit dem Credo der Gruppe, welches seit nun mehr 5 Jahren das Engagement von i,Slam begleitet. Harmonie und Frieden soll im Vordergrund stehen – und das tut es.  Ich fühle mich hier sehr wohl, in einer der mittigen Reihen.

Nach dem Begrüßungsworten geht es direkt los. Sawsan Chebli wird auf die Bühne gebeten. Viele kennen sie hier in Berlin. War sie doch zwei Jahren stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes und ist jetzt im Senat Müller, Staatssekretärin für Bundesangelegenheiten und palästinensischer Herkunft. Sie darf nur eine Minute reden. Schwierig für eine ehemalige Sprecherin. Aber sie schafft es, denn mit Moderator Youssef an ihrer Seite folgt ein einstudierter Slam. Eine Art kritischer Rückblick auf das mit Krisen behaftete Jahr 2016. Das machen die beiden ganz schön gut und das Publikum dankt mit einem großen Applaus.

sawsan

Nun soll es aber endlich um die eigentlichen Prominenten des Abends gehen. Die Teilnehmer. Es beginnt mit der Kategorie Visual Arts. Hier darf sich Manual Scrube über den 1. Platz und das Fördergeld in Höhe von 5.000 Euro freuen. Apropos Höhe: Manuel sorgt unwillentlich für einen weiteren Lacher im Publikum. Ist er doch knappe zwei Meter groß und das auf Moderator Youssef eingestellte Standmikrofon, nur gerade gefühlte 1,60 Meter hoch. Aber gekonnt bedankt er sich bei den Organisatoren und bei der Jury.

Mit Moderatorin Leila
Mit Moderatorin Leila

Die nächste Kategorie an diesem Abend heißt Video. Hier gewinnt Hatice mit einem selbstgedrehten Film, der Identität und die Suche danach thematisiert. Gerade in einem Land, in dem Mann sich als Muslim oder Muslima oft fremd fühlt, obwohl es das Geburtsland ist. In ihrer kleinen Dankesrede bringt sie den Sinn dieser Veranstaltung gekonnt auf den Punkt: „Es wird Zeit, Menschen als Menschen wahrzunehmen, ob mit Kopftuch oder ohne, schwarz oder weiß.

Eine 15-minütige Pause Unterbricht die Show und ich fange die zweite Moderatorin Leila kurz ab, für ein schnelles Interview. Hört rein:

Nach der Pause geht es musikalisch weiter mit der Kategorie Musik. Ich freue mich, denn alle finalen 3 Wettbewerber performen heute live. Nach den drei Auftritten ist richtig Stimmung hier im Kongress-Zentrum. Viel Applaus – besonders für den Gewinner Isa-Christian Amuri, der seinen gesellschaftskritischen Rap-Song a capella vorträgt.

Die Veranstaltung neigt sich dem Ende entgegen. Es folgt der letzte Preis, in der von Leila und Youssef anmoderierten „Königsdisziplin“ des Wettbewerbs: Literatur. Mit Poetrys startete das Projekt i,Slam vor über fünf Jahren – und heute endet der Abend damit. Ein gelungener Bogen.

And the award goes to … Amira Zarari, die seit 2012 auf der Bühne ihre Gedichte vorträgt. Sie überzeugte die Jury, sowie alle hier im Publikum. Nach diesem Vortrag, kann ich nur erahnen wie schwer es oft sein muss, im Alltag mit Kopftuch akzeptiert zu werden. Es regt zum Nachdenken an. Dazu habe ich jetzt Zeit, denn damit endet dieser Abend. Ja, es hat mich ein wenig an die bekannten Oscars aus Hollywood erinnert. Verdient hat es dieser so wichtige Award auf jeden Fall. Mit genau so viel Engagement muss es mit i,Slam weitergehen. Ich klappe den Laptop zu und gehe raus durch die Tür in die kalte Berliner Nacht auf den Pariser Platz. Blick nach links gen Brandenburger Tor. Es weihnachtet in unserer Hauptstadt und ich habe wieder Hoffnung, dass wir hier auf diesem Planeten doch noch irgendwann, alle friedlich miteinander leben können. Aber nur wenn wir Menschen, wie zum Beispiel Leila, weiter hart dafür kämpfen und immer mehr werden. Tschüß Berlin.

AUTOR: Marvin Jäger