Warum digitale Teilhabe für geflüchtete Kinder wichtig ist

Kindheit ist eine fundamentale Phase im menschlichen Leben. Sie brauchen Pflege und Unterstützung: ein Berliner Verein versucht deshalb, Kindern und Jugendlichen mit Migrations- und Fluchthintergrund digitale Teilhabe zu ermöglichen – mit einem Schreib-Wettbewerb über ihr ganz persönliches Berlin.

Von Alaa Alfahel

Rund 50 Kinder mit ihren Familie oder Patenschaften sitzen auf Plastikstühlen in geordneten Reihen, aufgeteilt in zwei Gruppen im Inneren eines mit Kinderlaune gefüllten Saals. An den Wänden hängen  Zeichnungen, Texte und Fotos, die ihre Ideen verkörpern und zeigen, was Berlin für sie bedeutet. Im vorderen Teil sitzen die Organisatoren der Veranstaltung, vor ihnen steht ein Tisch voller bunter Taschen mit Geschenken für die Kinder. Diese warten schon ganz ungeduldig, sobald sie ihren Namen hören, springen sie auf und holen sich ihr Geschenk ab – ein Smartphone, dass der Berliner Verein Wir Getalten e.v. verteilt , um digitale Teilhabe zu erreichen.

BUNTERTASCHE

Heutzutage sind digitale Geräte ein fester Bestandteil des Lebens von Kindern und Jugendlichen. Die Gesellschafft erkennt die Nützlichkeit der Technologie für ihre geistige und psychische Entwicklungen. Technische Mittel eröffnen Kindern neue Horizonte, die vorher nicht verfügbar waren.

Meine Berlin Story

WIR GESTALTEN e.v. trägt dazu bei, die Distanz zwischen Kindern, Wissenschaft und Technologie zu verkleinern, gemeinsam mit dem Unternehmen Takeda Pharma Vertrieb  übergibt er rund 130 iPhones und iPads  an Kinder und Judenliche mit Migrations- und Fluchthintergrund.

Das Ziel der Aktion ist es, digitale Teilhabe zu ermöglichen. Weitere 78 iPad-Geräte sollen dem Verein helfen, seine Bildungsprojekte zukünftig auf den digitalen Bereich auszuweiten.

Die 50 Iphones sind nur der Anfang des Wettbewerbs „Meine Berlin Story“, an dem 50 Migrantenkinder teilnehmen. Weitere 52 iPhones werden in den kommenden Monaten in einem zusätzlichen Wettbewerb für Kinder ausgeschrieben und verschenkt.

Ausgezeichnet werden Kinder, die für den Wettbewerb „Meine Berlin Story“ in Texten und Bildern über besondere Erlebnisse berichten, die sie gemeinsam mit ihren Berliner Paten erlebt haben.

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„Wir wollten die Geräte nicht einfach verschenken, sondern die Kinder sollten sich Gedanken machen und sich mit der Stadt, in der sie jetzt leben, auseinandersetzen“, sagt WIR GESTALTEN-Geschäftsführer Mirko Kormannshaus.

Unter den Teilnehmern ist Lana (17), vor zwei Jahren kam sie aus Syrien nach Deutschland. Heute hat sie sich bereits gut in Berlin eingelebt.

Lana stellt sich in guter deutscher Sprache vor und sagt, was sie macht: „Ich habe Syrien wegen des Krieges verlassen, jetzt gehe ich auf ein Gymnasium und möchte hier Medizin studieren“.

Trotz ihrer Freude, an diesem Wettbewerb teilzunehmen und das iPhone zu gewinnen, ist sie traurig, weil sie ihre Heimat verlassen musste.

Die Bedeutung digitaler Geräte

Sprachbarrieren zu überwinden, erleichtert die Integration in die Gesellschaft, meint auch Günter Klouce, Takeda – Geschäftsführer in Deutschland: „Wir möchten Menschen mit Fluchterfahrung bei ihren täglichen Herausforderungen in Deutschland unterstützen und dabei helfen, hier Fuß zu fassen und Perspektiven zu entwickeln. Die Smartphones und Tablets ermöglichen den Kindern einen einfacheren Zugang zur digitalen Welt und zu individuellen Bildungsangeboten.“

Kerstin Falk, Projektleiterin WIR GESTALTEN, fügt hinzu: „Wir möchten die Geschenke, die wir erhalten haben, für Bildungsprojekte einsetzen.“ Kinder und Jugendliche mit Migrations- und Fluchthintergrund sollen sie benutzen, um die deutsche Sprache zu lernen. Es gibt heutzutage gute Apps, mit denen man schnell übersetzen kann, zum Beispiel Google Translate.

KERSTIN

Falk sagt, die Jugendlichen können die Geräte nutzen, wenn sie Vorträge für die Schule machen müssen. Für sie ist es schön, wenn die Kinder mit dem iPhones zur Orientierung und Erinnerung Fotos von ihren Patenschaften und von Berlin machen können. Außerdem: „Wichtig ist für sie auch, dass sie lernen mit den Öffentlichen Verkehrsmittlen von einem Ort zum Andern zu kommen. Da können Apps helfen.“

Falk verweist auf die Bedeutung von digitaler Partizipation für Kinder und Jugendliche: „Digitale Teilhabe ist aus unserem Leben heute nicht mehr wegzudenken. Es verschafft die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, Verabredungen zu treffen.

Geflüchtete können so auch mit Verwandten und Freunden in der Heimat kommunizieren – per Skype, WhatsApp, selbst in Kriegssituationen, wo analoge Telefonleitungen oft versagen.

Sie wies darauf hin, dass mobile digitale Geräte es möglich machen, selbst ohne Wahlrecht “am öffentlichen Leben und auch an der Politik teilzuhaben durch Nachrichten und Ankündigungen von Demonstrationen und politischen Diskussionsabenden“.

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Die Kinder sind glücklich und aufgeregt und blicken stolz auf ihre Bilder, die die Wände der Halle füllen.

Falk spricht darüber, wie wichtig für geflüchtete Kinder digitale Medien sind, damit sie in der Gesellschaft und ihrer Bildung nicht zurück bleiben: „Für Kinder ist digitale Teilhabe nicht mehr aus dem Leben wegzudenken. Immer mehr Schulen setzen voraus, dass zuhause Computer oder Endgeräte, mit denen im Internet recherchiert werden kann, vorhanden sind“.

Also ist für die Teilhabe am Schulalltag der Zugang zu digitalen Medien unablässig. Der frühzeitige Umgang mit den Medien schult die Kinder für den Schul- und späteren Berufsalltag. „Begleitend dazu sind jedoch Schulungen zum sinnvollen Umgang mit den Medien unabdingbar, insbesondere was die Grenzen des Medienkonsums und Gefahren im Internet angeht“, sagt Falk.

Was bietet die Berliner Organisation?

Erwähnenswert ist, dass dieses Projekt nicht das erste seiner Art ist. Der Verein WIR GESTALTEN organisiert regelmäßige Treffen, die Flüchtlinge, Migranten und Deutsche miteinander vernetzen, um Integration und Austausch von Kultur zu erleichtern und Beratung  in verschiedenen Lebensbereichen in Deutschland anzubieten.

Deutsche Teilnehmer können im Gegenzug auch etwas über die arabische Kultur lernen, zum Beispiel arabisches Essen, Bräuche und Traditionen kennen lernen.

BERLIN CAFE

Das geschieht zum Beispiel im Kiezcafé, ein wöchentlich stattfindender Nachbarschaftstreff von WIR GESTALTEN für Mütter und Kinder unterschiedlicher Milieus, Kulturen und Religionen. Eine Art Netzwerk von Bekannten. Dort ist es möglich, Freiwillige zu treffen und mit ihnen zu kommunizieren, den Kindern zu helfen und Patenschaften zu übernehmen.

Du bist nicht allein

Die erste Etappe von „Meine Berlin Story “ war ein voller Erfolg. Es ist schön, in die begeisterten und strahlenden Augen der Kinder zu blicken und mitzuerleben, wie dieser Wettbewerb Kinder ermutigt, ihre Erfahrungen und Ausdruckskraft durch eigene Bilder und Geschichten zu beschreiben. Das gibt ihnen das Gefühl, dass es Menschen gibt, die sie unterstützen und dass sie in diesem Land nicht fremd sind. Mit den neuen Smartphones können sie sich nun auch weiterbilden und am digtialen Leben in Deutschland teilhaben.

Alle Fotos: Saleh Kahal