Mein Berlin – Mein Kiez

 

Mein Berlin – Mein Kiez 

So eine geile Stadt, so bunt und vielfältig. Aber was, wenn Berlins pulsierende Kreativität und Kultur aus deinem Kiez verschwindet. Wenn steigende Mietpreise und neue Bürogebäude dein Lieblingscafé und den geilen Club um die Ecke verdrängen. Nimmst du das dann einfach hin und ziehst in den nächsten Szenestadtteil oder kämpfst du für das einzigartige Gefühl in deinem Kiez und in Berlin zuhause zu sein.

Berliner Kieze im Wandel

Der Hauptstadt-Kongress Brand Berlin steht dieses Jahr im Zeichen „Mein Berlin Mein Kiez“ und gibt damit Raum für Ideen, Projekte und Diskussion für nachhaltige und mannigfaltige Stadtteile. Ein triftiger Grund als ALEX Redakteur dabei zu sein. Interessierte konnten Vorträge, Workshops und Expertengespräche erleben. Lokales Essen und ein Seifenblasenflashmob bringen dazu den Wohlfühlfaktor.

Die Schirmherrin des Kongresses und Bürgermeisterin von Berlin Neukölln, Dr. Franziska Giffey, beschreibt im Keynote den Kongress als „Tag der Ernte“. Das Image als Problembezirk Nummer Eins wird ihr Bezirk immer noch nicht los. Dabei ist Neukölln bereits in vielen Aspekten ganz anders. Trotz großer sozialer Schwierigkeiten und hoher Arbeitslosenquote habe der Stadtteil viel mehr zu bieten. Neben „Lebensperspektive: Ich werd Hartz IV“ gibt es eben auch „Ich will was tun“ aus meinem Leben und gegen die Schwierigkeiten. Mit der richtigen Unterstützung kann auch „die gute soziale Mischung“ gelingen. Bei über eintausend Unternehmen der Kreativbranche im letzten Jahr in Neukölln zeigen sich auch das Gründerpotenzial und ein Silberstreif für den Bezirk.

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Foto: Organisationsteam mit Moderator Marvin Jäger

Zum achten Mal gibt’s den Kongress und der wird jedes Jahr von einem neuen Team Auszubildender der „Dr. Galwelat cimdata GmbH“ organisiert. Der Projektleiterin und angehenden Kauffrau Malu Weigert Dialamicua liegt das Thema besonders am Herzen. Als Ur-Berlinerin will sie jungen Besuchern einen Anreiz geben, was Neues zu machen und jeden Kiez positiv zu beeinflussen. Selbst in Schöneberg berichtet sie vom Kiezkauf zugunsten von neuen Bürogebäuden. Man müsse den Strukturwandel akzeptieren und dennoch darauf achten, dass sowohl reiche als auch arme Leute hier koexistieren können. Dafür müsse auch die Politik „Zeichen setzen“.

Das bedeutet erhöhte Anforderungen für Politiker, wie die Bezirksstädträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, Jana Borkamp, deren Bezirk nach wie vor bunt, vielfältig und dynamisch ist. Sie bemerkt trotzdem, dass Menschen, die Geld haben und hipp sein wollen, den langjährigen Bewohnern des Bezirks den Raum wegnehmen. So würden Familien auseinander gerissen werden, weil Kinder und Enkelkinder sich nicht mehr Wohnungen im gleichen Kiez leisten können. Es entstehen vermehrt Proteste gegen die Privatisierung der zuvor in Genossenschaften organisierten Wohnungen. Projekte, wie das YAAM und die Prinzessinengärten seien gute Beispiele, zwischen den Menschen des Kiezes auch für geringer Verdienende immer neue Verbindungen zu schaffen. Die Zerstörung solcher Freiflächen habe langfristig auch Auswirkungen auf die Wirtschaft.

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Foto: Seifenblasen-Flashmob

Die guten und die bösen Touristen

Dem Kontrast zwischen Tourismus und Kiezkultur wirkt mittlerweile auch „visitBerlin“ entgegen. Melanie Funke zeigt mit der App des Unternehmens, das Tourismus auch nachhaltig und kiezorientiert funktionieren kann. Derzeit sei die Zahl der Touristen oft nicht sehr beliebt bei den Bewohnern der Stadt. Die Besucher würden jedoch nicht mehr nur die Sehenswürdigkeiten, sondern auch in Straßencafés den Alltag und das Gefühl eines Berliners erleben wollen. Plattformen wie „like a local“ und „book a lokal“ sind Beispiele für die erfolgreiche Verknüpfung von Besuchern und Bewohnern der Stadt. Daraus könnten Verbindungen entstehen, die beispielsweise neue Start-Ups nach sich ziehen.

Projekte für die Kiezkultur

Das „Projekt Holzmarkt“ ist eine der vorgestellten Ideen beim Kongress und schafft auf etwa 18.000 Quadratmetern direkt an der Spree kreative Räume zum Leben und Arbeiten. Die Idee ist der Kontrast zur „sehr inhomogenen Struktur“ des Bezirks, so Hanns-Friedrich Sefranek, einer der Projektverantwortlichen. Mit Kita und Veranstaltungshalle entstehe so nach und nach ein „autonomes Quartier“. Nutzer des Dorfes sollen dort nicht primär wohnen, sondern an ihren kreativen Ideen arbeiten und damit zum „Gefühl vom Holzmarkt“ beitragen. Der Kongress ist für Sefranek eine Möglichkeit ähnliche Ideen besonders bei jungen Leuten anzustoßen.

Auch die Kiezberichterstattung freut sich wachsender Beliebtheit. Nicht umsonst ist der Blog „neukoellner.net“ um die Chefredakteurin Regina Lechner so erfolgreich. Als Ersatz der Regionalzeitungen können so Bezirke in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt werden. In Neukölln ist kaum noch Leerstand möglich. Tipps dazu gibt sie in ihrem Workshop auf dem Kongress.  Es sei nicht mehr möglich mit wenig Geld ein Atelier, einen kleinen Laden oder ein Büro in Neukölln zu haben. Sie wünscht sich besonders ein größeres Gemeinschaftsgefühl der Kiezmitbewohner, das auch Flüchtlinge mit einbezieht. Nur so könne gefördert werden, dass diese Menschen schnellstmöglich deutsch lernen und auf angenehme Weise integriert werden. Gerade ihr Blog kann einen Austausch und ein positives Miteinander aller Bewohner des Stadtviertels fördern. Mit solchen Projekten könne Berlin eine lebenswerte Stadt bleiben.

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Foto: Stefan Weger und Regina Lechner beim Workshop

Gentrifizierung vs. gute Nachbarschaft

Wir haben auf Facebook mehrere hundert Freunde aus aller Welt und kennen in Berlin nicht mal den Typen gegenüber mit Vornamen. So geht’s vielleicht vielen Bewohnern Berlins. Gegen die Anonymität stellt Dr. Kristian Koch das Portal „WirNachbarn“ vor.  Was in Kleinstädten und südländischen Nachbarländern selbstverständlich ist, könnte auch in unserer Stadt gelingen. Reale Kontakte und Unterstützung zwischen den Bewohnern in deinem Viertel über diese Online-Pinnwand für Nachbarschaften. Die Begründer wollten die Nachbarschaft wieder erlebbar machen und einen Austausch in einem geschützten Raum ermöglichen. Koch hofft die „Anonymität Berlins damit aufbrechen“ zu können. Das nächste Nachbarschaftsgrillfest ist damit also gesichert.

Berlins Stadtentwicklung ist sicher nicht problemfrei für die Bewohner. Deshalb entstehen immer mehr Nachbarschaftsinitiativen, wie „Bizim Kiez“, die zunächst in Folge der Verdrängung eines regionalen, traditionellen Gemüseladens im Wrangelkiez entstanden ist. Aus einem einzelnen Protest entstand so eine Bewegung, die gegen den Mietsteigerungsdruck ankämpft. Magnus Hengge, Ehrenamtlicher der Initiative, beschreibt, dass sich bereits kiezübergreifende Dachorganisationen entwickeln, die sich gegen die „immer gleichen Mittel der Immobilienwirtschaft“ Leute aus den Kiezen zu drängen, wehren. Ein gegenseitiges Kennenlernen in der direkten Nachbarschaft sei dennoch wichtig, da mit den gleichinteressierten Nachbarn „eine gemeinsame Kraft mit gemeinsamen Forderungen“ entwickelt werden kann.

Eine Rarität sind mittlerweile Einwohner wie die in Kreuzberg geborene und immer noch dort lebende Besucherin Sarah Diedrich, die mit ihrer Kreativagentur das Design des Kongresses entwickelt hat. Ihr Kiez ist in den letzten Jahren zum überfüllten Trendviertel geworden. Sie trauert vielen damaligen Lieblingsorten nach. Ihr fehlen besonders bezahlbare Räumlichkeiten, um Projekte, wie ihre Agentur, überhaupt möglich zu machen. Ihr droht in ihrer Wohnung der Rausschmiss per Räumungsklage, obwohl sie über die letzten Jahre ihren Kiez mit aufgebaut und lieben gelernt hat. Viele der Ideen beim Kongress seien richtungsweisend, um zukünftig ein Berlin „für die Menschen und nicht für die Wirtschaft“ zu erleben.

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Quelle: Thomas Nurna und Vasilios Tsitiridis

Sollten die Grundstückpreise weiter steigen haben Thomas Nurna und Vasilios Tsitiridis die ideale Idee für lebenswerte Hochhäuser. Was früher Sidos Block war könnten bald „Vertikale Kieze“ sein. In multifunktionalen Häusern könnte bald Leben und Arbeiten verknüpft werden. Ob Wohnung, Atelies, Kitas oder der Coworking Space. All das und mehr ist dann erreichbar ohne überhaupt das Gebäude zu verlassen. Freiflächen, Glass-Wände und Bäume machen diese Idee zu einer denkbaren Lebensart. Das Publikum zeigte sich jedenfalls sehr begeistert von der Nachbarschaft in luftiger Höhe. Die passenden Investoren sind für die Utopie noch nicht in Sicht. Nurna und Tsitiridis wollen die Idee dennoch weiterentwickeln. Wenn es in die Höhe geht, dann „sollte das behutsam passieren“. Die Stadt sollte auch immer „etwas zurückbekommen“ und nicht nur „auf dem Fokus der Investoren“ neu bauen, so Tsitiridis. Nurna ergänzt, dass die Architektur außerdem eine viel größere Rolle in Berlin einnehmen könnte.

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Foto: Podiumsdiskussion: Wem gehört der Kiez?!

Abschließend diskutieren die Referenten heiß über die Frage „Wem gehört der Kiez?!“. Die Redner schauen insgesamt positiv aber vorsichtig in die Zukunft. Eine Vielzahl der Möglichkeiten wurden bereits gefunden, um aus deinem Stadtteil deinen Kiez, deine Nachbarschaft und dein Zuhause zu machen. Mit über 70 Prozent Mietern, die ihre Stadt und ihre Lieblingsorte schätzen und behalten wollen, sind genügend Kräfte vorhanden, die Bezirke zurück in die Hand der Bewohner zu bringen.

Der Kongress hat mir doch einige Denkanstöße gegeben und mir den Wert eines guten Nachbarn gezeigt. Also dann gehe ich mal raus und versuche rauszukriegen, ob der Herr Schröder da in der Wohnung nebenan nicht Lust hat, mal auf einen Kaffee vorbei zu kommen.

Auf gute Nachbarschaft!

Autor: Sebastian Köcher