Recht oder Pflicht?

Volontär Ahmad Wali Temory aus Afghanistan zu seinem Engagement im politischen Prozess Deutschlands

Vor dreiundzwanzig Jahren kam ich in einem Land zur Welt, in dem seit längerem ein brutaler Bürgerkrieg herrschte und dessen Bevölkerung mit Not und Elend zu kämpfen hatte. Es war ein Land, wo unterschiedliche Volksstämme und bewaffnete Gruppierungen sich gegenseitig zerfleischten, wo unschuldige Menschen starben und schweres Leid trugen.

Die Weltgemeinschaft hatte dieses Land, Afghanistan, nachdem Zusammenbruch der Sowjetunion, vollends vergessen und mit seinen Wunden allein gelassen. Dabei war es jene Region gewesen, in der das letzte und entscheidende Schlachtfeld des Kalten Krieges stattgefunden hatte. Es gab nun keine schützende Macht, die sich auf diesem Fleck Erde für Recht und Ordnung sorgte, und es gab niemanden, der sich um die leidenden Kinder und Frauen kümmerte, auf deren Gesichtern die Hilflosigkeit groß geschrieben stand.

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Mit der Herrschaft von Taliban kam Ende 1996 eine streng religiöse Gesellschaftsordnung, in der persönliche Freiheiten keinen Platz mehr hatten und Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Als es dann Ende 2001 zum Sturz dieser Herrschaft kam, konnte auch ich, zum ersten Mal in meinem jungen Leben, die Atmosphäre der Freiheit kosten und Mut und Hoffnung schöpfen. Ich begann, an meine und die Zukunft meiner Heimat zu glauben und von einem besseren Leben zu träumen. Bereits damals, obwohl gerademal acht Jahre alt, interessierte ich mich für die politischen Vorgänge und gesellschaftlichen Veränderungen in meinem Land. Ich besuchte mit großer Leidenschaft die Schule und war tief davon überzeugt, dass es eine große historische Chance war, die die Weltgemeinschaft uns gegeben hatte, damit sie ihre Wunden heilen und nochmals auf die Beine komme konnte. Doch als ich im Jahre 2013 das Gymnasium zum Abschluss brachte, war Afghanistan erneut ein Schauplatz der Kriege und feindseligen Machenschaften der fremden Mächte. Die Taliban waren wieder da, und die religiösen Fanatiker waren auf dem Vormarsch. Die Frauen wurden um ihre Menschenrechte beraubt, und Steinigungen standen wieder an der Tagesordnung. Zudem litt das Land unter einer nie da gewesenen Korruption sowie Ungerechtigkeit.

Ich arbeitete für eine Zeit als Dolmetscher für die Amerikaner und Anfang 2014 begann ich an der Kabuler Universität Politikwissenschaft zu studieren. Nebenbei engagierte ich mich zunehmend in der Demokratiebewegung und kämpfte innerlich für Hoffnung und Glauben an eine Zukunft, von der ich lange geträumt hatte und die ich nun in großer Gefahr sah. Mit dem Abzug der Weltgemeinschaft und deren militärisches Engagements vom Hindukusch nahmen aber Kriege, terroristische Attacken und Drohungen überall im Lande zu. Und als ich selbst dann, wegen meiner Arbeit für die Amerikaner, Morddrohungen bekam, entschied ich mich meine Heimat zu verlassen und in deren Boden viele meiner Träume, Hoffnungen und Wünsche zu begraben.

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Schwere, gefährliche Fluchtwege hinter mich gebracht, landete ich schließlich in der deutschen Hauptstadt. Hier, in Berlin, stellte ich einen Asylantrag und begann, einen Sprachkurs zu besuchen. Doch ich schwank für viele Monate zwischen Bange und Hoffnung und musste erneut um meine Zukunft zittern. Denn ich bin Afghane, und es gab unnachvollziehbare bürokratische Gründe, mich als solchen zu den Gräbern meiner alten Träume zurückzuschicken. Mein Leid war umso größer, als ich zunehmend mitbekam, wie sehr es hier, in diesem vorbildlich demokratischen Land, Vorurteile verbreitet sind, von denen ich mich persönlich betroffen fühlte. Es sind pauschale Vorurteile gegen meine Glaubensgemeinschaft und nicht zuletzt gegen die Flüchtlinge. Auf der anderen Seite sah ich, dass die große Mehrheit dieser Gesellschaft aufgeklärt ist und mir und meiner Leidensgenossen gegenüber offen, hilfsbereit und wohlwollend eingestellt. Zu dieser Zeit begann in mir, ein großer Wunsch zu wachsen. Es war der Wunsch, dass mein Antrag anerkannt wird, dass ich hierzulande studieren kann und dass dieser Boden auch eine Heimat für mich werden kann. Und schließlich spürte ich in mir das tiefe Bedürfnis, politisch aktiv zu werden und für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen.

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Mit der Anerkennung meines Asylantrags war es zum Glück so weit, und es öffneten sich für mich viele Türen. Ich hatte mich inzwischen mit der bundesrepublikanischen Politik befasst und viel über das hiesige Gesellschaftssystem und die politischen Parteien gelesen, mich mit ihrer Geschichte und ihren Programmen beschäftigt. Und so habe ich mich für die SPD entschieden und wurde Mitglied dieser Partei.

Des Weiteren fing ich an, beim Bundestag ein sechsmonatiges Praktikum zu machen und arbeitete für die Bundeswirtschaftsministerin Frau Brigitte Zypries. Sie war außerordentlich freundlich zu mir und unterstützte mich auf vielen Ebenen. Zugleich machte sie mich, mit großer Geduld und Fürsorge, mit dem strukturellen Aufbau der bundesrepublikanischen Demokratie vertraut. Und so habe ich im Laufe meines Praktikums nicht nur wertvolle Erfahrungen gesammelt, sondern auch viele der Politiker aus der Nähe kennengelernt. Dabei wurde mir bewusst, dass diese ganz anders sind als die Politiker in meinem Herkunftsland, die nicht nur ihre Macht missbrauchen, sondern auch einen arroganten, unfreundlichen Umgang an den Tag legen.

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Heute mache ich eine journalistische Ausbildung, bin aktives Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und will mich immer mehr in den gesellschaftlichen und politischen Prozessen Deutschland engagieren. Damit fühle ich mich auf dem besten Wege, trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse, hierzulande eine neue Heimat zu finden.

Ich habe nicht den Anspruch für die anderen ein Vorbild zu sein, aber ich will auch andere Flüchtlinge etlicher Herkunft ermutigen, sich nicht weiterhin als Opfer zu sehen, sondern aktiv zu werden und alles zu tun, um von der demokratischen Gesellschaft aufgenommen zu werden. Dies ist ihr gutes Recht, nicht zuletzt aber auch ihre Pflicht und eine Notwendigkeit, denjenigen einsamen Wölfen entgegenzuwirken, die in unserem Namen versuchen, mit Hass und Gewalt diesem Land zu schaden.

Von Ahmad Wali Temory, Volontär der mabb (Medienanstalt Berlin-Brandenburg) bei ALEX Berlin

Alle Fotos: Ahmad Wali Temory