Pressefreiheit in Syrien: Journalisten als Narren des Führers

Mittels falscher Facebook-Accounts und erfundener Namen kommunizierten sie in geheimen Gruppen im Internet: mabb-Volontärin Hiba schrieb in Syrien für eine regierungskritische Zeitung. Dann musste sie fliehen. Ein Erlebnisbericht aus einer wahrheitsfreien Zone.

Als ich noch in Syrien lebte, hatte ich eine stumme Routine: Schweigend setzte ich mich aufs Sofa setzte und verfolgte im TV, was gerade so los war. Angesichts der fürchterlichen Geschehnisse in der arabischen Region waren die Nachrichten wie eine heilige Zeit für mich. Dabei beneidete ich die Journalisten. Sie begaben sich auf Reisen und nahmen politische Strapazen und klimatische Umstellungen auf sich, um die Wahrheit aufzuzeigen. Noch glaubte ich an die Pressefreiheit.

Wie oft stand ich gestikulierend vor dem Spiegel. Tat so, als wäre ich eine Nachrichtensprecherin, die gerade versucht, einen Korrespondenten telefonisch zu interviewen. Die ihm Fragen stellt, um diese daraufhin mit ein paar ausgedachten Sätzen wiederum selbst zu beantworten. Ich stand vor dem Spiegel und debattierte mit mir selbst. Je älter ich wurde – je mehr ich an Erkenntnis gewann – umso mehr hörte ich auf zu träumen. Die Presse in Syrien war nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, sie hatte nicht mal annähernd etwas mit dem wirklichen Leben zu tun.كلية الاداب

In Syrien ist ein Journalist nichts anderes als ein Narr des Führers, der Verantwortungsträger und der Wohlhabenden. Er ist dafür da, die Wahrheit zu verzerren. Journalist in Syrien sind Lügner oder vielleicht müssen sie auch lügen – genau so, wie es der Staat möchte. Letzterer entscheidet für sie, was sie denken und schreiben. Ihre Artikel werden zurechtgestutzt, sodass sie den vorgesehenen Zweck erfüllen.

Die Presse in Syrien war und ist weitestgehend korrupt. Und wer nicht korrupt ist, der gehört ganz einfach jener Gruppe verborgener Journalisten an, die in diesem Land keine Stimme haben. Auf Empfehlung eines Freundes hin schrieb ich mit einer Gruppe von Journalisten für eine Universtitäts-Zeitschrift. Die Gruppe gehörte einer Partei an, Namen kann ich keine nennen, da ich mich selbst sonst in Gefahr bringen würde. Nur so viel: Die Philosophie der Partei bestimmte die Inhalte der Zeitschrift.

Ich gehörte keiner Partei an und schon das erste Redaktionstreffen stellte sich als etwas merkwürdig heraus: Es ging um die Parteiziele und die guten Absichten der Partei für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Mir wurde unter dem starken Bestreben der Anwesenden mitgeteilt, ich solle mich der Partei anschließen. Ich aber machte erneut meinen Standpunkt klar, beharrte darauf, parteilich unabhängig bleiben zu wollen.

Ich schrieb dann über Themen fernab der Politik und nah dran an der Realität. Vor der Veröffentlichung ließ ich der Zeitschrift die Artikel zukommen oder ging selbst hin, um mit den Verantwortlichen darüber zu diskutieren. Meine Artikel wurden stets positiv aufgenommen – bis einer auf einmal abgelehnt wurde.  Die Begründung: Er sei nicht auf dem gewünschten Niveau verfasst worden. Veröffentlicht wurde er schließlich unter einem anderen Namen … Es war der Name des Chefredakteurs.

326837_358715764209476_1879216013_oDas ist also die Presse in Syrien. In einem Land, das von korrupten Parteien regiert wird, ohne Gesetze, die Journalisten schützen und ihre Urheberrechte sichern.

Als die Revolution in Aleppo begann, arbeitete ich deshalb mit einer Gruppe von Freunden an der Veröffentlichung einer wirklich unabhängigen Zeitschrift, ebenfalls für die Studierenden der Universität. Die Zeitschrift sollte sie aufwecken. Durch Geschichten, die die Wirklichkeit reflektierten und deutlich kritisierten, was geschah. Dies war ein gefährliches Unterfangen. Meine Kollegen und ich mussten mit Strafen und Verhaftungen rechnen.

Mittels falscher Facebook-Accounts und erfundener Namen kommunizierten wir in geheimen Gruppen im Internet: Wir planten tägliche Demos an der Uni und schrieben eine Zeitschrift, die am frühen Morgen auf den Sitzen und Gängen verteilt wurde. Mit veحلب النظامrmummten Gesichtern und schnell pochendem Herzen rannten wir und schleuderten unsere Gedanken in alle Richtungen, noch bevor die Vorlesungen begannen. Der Polizei gefiel das natürlich nicht. Immer wieder hat sie die Zeitungen eingesammelt und verbrannt.

Und warum? Was bezweckte unser kompliziertes Unterfangen, mit dem wir uns immer wieder in Gefahr brachten?

Die dem Regime angehörigen syrischen Sender strahlten dieser Tage in aller Ruhe Dokumentarfilme über das Ameisenleben oder die Begattung von Zebras aus. Zeitgleich demonstrierten an der Universität Aleppo jeden Tag Studenten. Etliche wurden durch den syrischen Geheimdienst festgenommen, dutzende durch Tränengas verletzt.

Dann kam der Tag, an dem ein Mitglied meiner Zeitschrift festgenommen wurde. Wieder kann ich keinen Namen nennen. Um zu vermeiden, dass unser verhafteter Freund sich dazu gezwungen sehen würde, etwas zu gestehen, wogegen gerade ermittelt wurde, stellten wir die Zeitschrift vorübergehend ein. Es war ein ganzer Monat voll Anspannung, Warten und ständiger Sorge. Ein Monat des Abwartens, ein Monat der Angst.

Unse995332782er Freund wurde gegen eine hohe Kaution freigelassen. Er bat uns, die Zeitschrift bis auf Weiters einzustellen, da er unter Beobachtung stand und dieser Umstand uns allen zum Verhängnis werden könnte. Wir setzten aber unsere Proteste, Demos und geheimen Sitzungen fort. Die Presse in Syrien ist nach wie vor restriktiv. Wir, die Macher der Zeitung, flohen vor dem Krieg, der immer schlimmer wurde. Wir leben in unterschiedlichen Ländern über die Welt verstreut. In der alten Konstellation haben wir uns nie wieder getroffen.

Von Hiba Obaid, Volontärin der mabb (Medienanstalt Berlin-Brandenburg) bei ALEX Berlin

Alle Fotos: Hiba Obaid