Die Stadt bei Nacht

Die Berliner Clubcommission und das europäische NEWNet hat am letzten Novemberwochenende erstmalig Akteure aus Stadtentwicklung, Kreativwirtschaft, Politik, Kultur und dem Gesundheitswesen zu einer der spannendsten Konferenzen in Bezug auf aktuelle Tendenzen des großstättischen Nachtlebens  ins Musik & Frieden sowie ins Watergate geladen: STADT NACHT ACHT heißt die insterdisziplinäre Veranstaltung, bei der wichtige und interessante Diskurse gefürht werden. Denn viele Kontroversen wirft es auf, das Nachtleben. Auch in Berlin: Clubs neben Wohngegenden, Wohngegenden neben legendären Spielstätten. Eines der größten Konfliktfelder in Bezug auf Clubkultur ist die Frage nach dem Raum. Immer wieder kommt es zu  Streit zwischen Anwohnenden und Feiernden in Bezug auf Lärm- und Müllbelästigung, und eine Moderation zwischen den Parteien ist schwer.

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Jan-Peter Wulf beim Talk „Urban Catalysts – Die Nacht als Motor für Stadtentwicklung“ im Musik & Frieden.

Auch ein Großteil von Freiflächen, die junge Menschen dringend benötigen, um sich kreativ zu entfalten und mit ihren Visionen und ihrem sozialen Engagement zum Wohl der Stadt beizutragen, wurde in den letzten Jahren nationalen und internationalen Immobilienhaien zum all-you-can-eat Buffet aufgetischt. Kaum eine Stadt ist so bekannt für ihre mehrtätigen, schillernden und hedonistischen Partyexzesse, bei denen Sex, Alkohol und illegale Substanze eine große Rolle spielen, dabei aber auch in vielen Fällen zu einem bösen Erwachen führen.  Berlin hat zu Recht den Ruf, das aufregendste Nachtleben der Welt zu haben. Aber dieses Nachtleben mit all seinen leuchtenden und dunklen Facetten gilt es zu schützen und zu fördern. Und das geht nur, wenn alle Herausforderungen mit allen Parteien, die es betrifft in einem Dialog ohne Tabu kontrovers diskutiert werden. Und wir waren dabei.

Das interessierte Publikum beim Talk auf dem Mainfloor im Watergate.
Das interessierte Publikum beim Talk auf dem Mainfloor im Watergate.

 

Metropolen zwischen Urbanitätsidealisierung und Dirty Reality

Berlins urbaner Raum wird von einer vitalen Künstlerszene geprägt. Das lebendige Nachtleben und kreative Wirkungsräume machen die Hauptstadt der Bundesrepublik so attraktiv, wie sie gerade ist. „Noch“, möchte man fast sagen, denn ein (!) Anfuf bei der Polizei kann einen Veranstalter schon seine Party und noch viel größere Konsequenzen kosten. Wie Standorte erhalten werden können und wie Subkulturen ihren Raum finden, wurde in diesem Panel diskutiert. Der Hamburger Clubinhaber und Vorstandsvorsitzende von LiveKomm, Karsten Schölermann, hält jedenfalls eine flammende Ode an die Freiräume Berlins, Hamburgs und anderer Großstädte und an Flächen, wie das RAW-Gelände, welches in ein paar Jahren einer Betonwüste gleichen soll: „Ich bin unfassbar beeindruckt vom RAW-Gelände. Jetzt höre ich mit Schrecken, dass das betoniert werden soll. Wer kommt denn auf so eine Idee? Wenn man einen Ort hat, wo ca. zwölf Clubs stehen, dann gehört das unter Denkmalschutz gestellt. Da darf niemand Beton hingießen!“

 

Auch Steven Raspa, Künstler und Veranstalter von verschiedenen, kleinen Burning-Man-Community-Events rund um den Globus hat bereits in San Francisco und New York erlebt, was es Bedeutet, wenn Städte zu teuer für die kreative Subkultur werden und die Gesetze zu restriktiv. Berlin, so glaubt er hat noch immer das Potenzial eine Stadt zu bleiben, die sich noch nicht ausverkauft hat, wenn die Politik und auch die Subkulturen gemiensam dieses Potenzial erkennen.

 

Einer der Berliner Politiker, die sich schon lange und sehr aktiv für die Berliner Clubkultur einsetzen, ist Christian Goiny, Rechtsanwalt, Medienpolitischer Sprecher der CDU und Mitglied im Abgeordnetenhaus. Wie kaum ein anderer steht ausgerechnet ein CDU-Politiker in enger Zusammenarbeit mit der Clubcommission Berlin will die schillernde, exzentrische, hedonistische und freie Partyszene der Hauptstadt retten und für bezahlbare Flächen sowie den Erhalt von Liegenschaften sorgen, damit junge Kreative sich hier ausleben können. Dafür tritt er regelmäßig in Dialog mit jungen Veranstaltern und Experten der Szene mit langjähriger Erfahrung.

Das Nachleben als Motor für Wirtschaft und Tourismus

Im Rahmen des deutschsprachigen Panels wird der Imagefaktor Nachtleben im Spannungsfeld zwischen Subkultur, Tourismuswirtschaft und Stadtentwicklung diskutiert. Im Anschluss haben wir uns noch Katja Lucker,  Leiterin des Musicboard Berlin GmbH und Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH geschnappt und ein paar Fragen gestellt.

 

Dr. Adam Eldridge spricht in dem Panel über das Wachstum der britischen „Nacht-Ökonomie“ der letzten Jahre. Dieses Wachstum hat unter anderem dazu geführt, dass sich vor allem in London traditionelle Muster bei der Arbeit, im Familienleben, der Freizeit und beim Wohnen enorm verändert haben. Offener Sonntag, „unsoziale“ Arbeitszeiten im Gesundheitssektor, Bars und Clubs sind nur einige wenige Beispiele, die zu Konflikten zwischen Bewohnern und Orten der Nachtkultur führen. Aber auch Konflikte zwischen der „traditionellen“ Stadt, dem Ausbau der alltäglichen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten bis spät in die Nacht hinein stellt Eldridge in den Fokus seines Panels. Das Nachtleben fordert die traditionelle zeitliche Organisation des städtischen Lebens heraus und führt dazu, dass öffentlicher Raum umgestaltet wird, so Eldridge.

 

The White Rabbit Revisited

Nachtleben ist von Drogenkonsum für viele kaum zu trennen. Drogen bedeuten hervorragende Stimmung, erweiterndes Bewusstsein und auch Kontaktfreudigkeit. Aber oft werden die Gefahren dabei unterschätzt. Die gleiche Dosierung wirkt bei unterschiedlichen Menschen anders. Drogenbeschaffung kann gefährlich sein, sich teure Drogen zu kaufen bedeutet nicht gleich, bessere Drogen zu haben. Noch immer sind viele der Konsumierenden weder über das was sie konsumieren informiert, noch über die Nebenwirkungenm, besonders wenn es um Mischkonsum geht oder das Verhalten, wenn sich plötzlich Mitmenschen in Not befinden. In dem Panel „The White Rabbit Revistited“ haben vier verschiedene Projekte ihre Forschungsergebnisse zu Prävention, Schadensminimierung und Safer-Use-Regeln vorgestellt.

Mitgleider von Alice-Project über Safer-Use-Regeln
Mitgleider von Alice-Project über Safer-Use-Regeln

In einer Weltweiten Umfrage, der Global Drug Survey werden regelmäßig die Angaben der Teilnehmenden zum Drogenkonsum ausgewertet, um eine Hilfestellung zur Aufklärungsarbeit zu leisten. Dabei geht es nicht darum, welche Drogen erlaubt und welche verboten sind, sondern darum, wie sehr sie bei den Konsumierenden Schaden anrichten.

 

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Das Flüssige Gold der Feiernden heißt Alkohol. Oft unterschätzt und gleichzeitig selbstverständlich, geht die „Partydroge Nr. 1“ über die Tresen. Zwischen 42.000 und 74.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen des Alkoholkonsums. Gerade auch unter Jugendlichen ist Alkohol beliebt. Sie haben ein überwiegend positives Bild von Alkohol. Dabei verstärkt die Inszenierung von Alkohol in der Werbung und in sozialen Medien die Attraktivität. Dr. Sara Landolt von der Universität Zürich weiß aus ihrer Arbeit mit Jugendlichen, dass Wettbewerbe unter den Jugendlichen dabei eine große Rolle spielen – Wer ist auf der cooleren Party? Wer kann mehr saufen?

Nach all diesen Panels mit noch so viel mehr interessanten Leuten aus allen Felden, die für diese Diskussion wichtig sind, können wir sagen: Danke für diese anregenden Gespräche und bis zum nächsten Mal!

 

Autorinnen: Jennifer Weese und Julie v. Wangenheim