Christopher Street Day @ Brandenburger Tor

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Berlin zeigt Regenbogen: der Christopher Street Day 2016

„Danke für nix!“ – die Devise des diesjährigen CSD polarisiert. Der Slogan macht auf die Missstände der queeren Community in Politik und Gesellschaft aufmerksam und zeigt den dringenden Handlungsbedarf in Sachen Gleichstellung und Akzeptanz.

MOTTOWAGEN[1]

Unerfüllte Forderungen

Bei der Politik brauche man sich nicht bedanken, eine vollständige Gleichstellung sei immer noch nicht erreicht – die Veranstalter des CSD wollen mit „Danke für nix!“ auf die immer noch unerfüllten Forderungen aus den letzten Jahren hinweisen: die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, Adoptionsrecht für alle und die Rehabilitierung des §175, der bis 1973 homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen unter Strafe gestellt hat. Der diesjährige CSD ist politischer denn je.

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Zwei Jahre – ein Forderungskatalog? Die diesjährigen Anliegen sind die gleichen wie die von 2015 geblieben; ein Indikator dafür, wie wenig Fortschritte tatsächlich im letzten Jahr gemacht wurden: nämlich fast keine. An erster Stelle steht für den CSD e.V. die Durchsetzung von gleichen Rechten bei Ehe und Familie. Die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare solle erreicht, gleiche Rechte bei Familienplanung und Adoption geschaffen werden. Auch solle die Anerkennung von Elternschaften in eingetragenen Lebenspartnerschaften sowie von Regenbogenfamilien mit mehr als zwei Elternteilen durchgesetzt werden.

REGENBOGENFAMILIEN[1]

Der CSD e.V. betont, dass Krankheiten nicht zu Diskriminierung, Ausgrenzung und Armut führen dürften und spricht dabei sowohl die Allgemeinbevölkerung, als auch die LSBTI* Community an. Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben müsse gewährleistet werden. Der Verein will einen Zugang zur Gesundheitsfürsorge für alle sowie eine Grundsicherung jenseits der Armutsgrenze erreichen. Außerdem wendet er sich gegen den Zwangsumzug von Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen aus ihrem sozialen Umfeld und fordert bezahlbaren und zentralen Wohnraum in der Stadt.

AIDSHILFE[1]

Um die gesellschaftliche Akzeptanz der LSBTI* Community voranzubringen, fordert der CSD-Verein die Themen geschlechtliche Vielfalt und queere Lebensformen in den Schulunterricht aufzunehmen. Bildungseinrichtungen müssten dikriminierungs- und gewaltfreie Orte sein.

LOVE_KNOWS_NO_GENDER[1]

Auch innerhalb der LSBTI* Community solle ein besserer Umgangston geschaffen und Diskriminierung und Ausgrenzung vorgebeugt werden. In den Medien müssten queere Lebensformen stärkere Berücksichtigung finden. Sowohl das Transsexuellengesetz solle unter Einbeziehung von Trans-Menschen reformiert, als auch die geschlechtsnormierende Operation von Intersexuellen ohne deren Einwilligung gesetzlich verboten werden.

PORTRAIT[1]

In dem Forderungspapier werden außerdem die unterschiedlichen Altersgruppen innerhalb der Communinty abgebildet: Altersarmut sowie Arbeitslosigkeit von LSBTI* Jugendlichen solle bekämpft und die Begegnung von jungen und älteren Angehörigen der Community gefördert werden. Die nach §175 des Strafgesetzbuches Verurteilen sollten umgehend rehabilitiert werden.

POLIZISTEN[1]

Besonders LGBTI* Flüchtlinge müssten stärker unterstützt werden; dafür solle man Wohnraum für lesbische, schwule, trans- und intersexuelle Flüchtlinge schaffen, sowie in LSBTI* Angelegenheiten geschulte Vermittler bereitstellen. Die von der Regierung als sichere Herkunftsländer eingestuften Staaten sollten auf Sicherheit für LSBTI* und Frauen generell sowie medizinische Versorgung u.a. von HIV-Positiven untersucht werden.

SCHUHE[1]

Über eine halbe Millionen Menschen haben sich zum Finale des Berliner CSD 2016 rund um das Brandenburger Tor versammelt. Dort findet das Bühnenprogramm mit Musik, Politik und Unterhaltung statt.

BRANDENBURGER_TOR[1]

Während der Berliner Christopher Street Day im letzen Jahr noch unter dem Motto „Alle anders. alle gleich“ stattgefunden hat, geht es in diesem Jahr hochpolitisch her. Die Unzufriedenheit der LSBTI* mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung ihrer Community und der politischen Rückstellung wird deutlich.

Bei ihrem Auftritt setzt die Band Halbstark auf Masken, um die Rückständigkeit in Politik und Gesellschaft zu symbolisieren.

PUTIN_&_TRUMP[1] MERKEL[1]

Mit dem Song „Armor ist ein Anarchist“ stellt die Band Systemo den diesjährigen Song für die Respect Gaymes des Lesben und Schwulen Verbands.

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In seiner Begrüßungsrede bezieht sich das Organisationsteam des CSD auf die berühmte “I have a Dream“ -Rede von Martin Luther King: Die Veranstalter träumen von gleichen Rechten für alle – unabhängig von Geschlecht und Sexualität. Außerdem wollten sie erreichen, dass der CSD sich zu dem entwickle, was ihm immer nachgesagt werde zu sein: ein Feiertag zum Anstoßen auf das Erreichte. Man müsse den rechten Kräften „in den Arsch treten“ und dürfe niemals aufhören für die Gleichstellung der Community aufzustehen.

Der CSD hat auch musikalisch einiges zu bieten: der offizielle Song 2016 trägt den Titel „Love“ und wird von Sängerin Steffi List performt.

STEFFI_LIST[1]

Nach einer Schweigeminute für die Opfer des Orlando-Attentats, bei dem im Juni 49 Menschen in einem amerikanischen Gayclub erschossen wurden, erinnert auch die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat (SPD), an den Anschlag. Man müsse Hass und Intoleranz mit Liebe und Miteinander begegnen und dürfe sich gerade jetzt nicht entmutigen lassen. Mit der Aufforderung, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, richtet sie sich an Bundeskanzlerin Merkel und findet scharfe Worte gegen die Politik der Regierung: die solle den Widerstand endlich aufgeben und Ehe wie Adoptionsrecht öffnen. Wenn der Staat keine gleichen Rechte für alle garantiere, schaffe er den Nährboden für Homophobie und Diskriminierung. Für den CSD im nächsten Jahr wünsche sie sich das Motto: „Danke für gleiche Rechte!“

SENATORIN[1]

„Love will always win – everybody’s got a pulse!” – mit dieser Message richtet sich das Double Kim Labelle & Sunshine69 an die Community. Nach dem Orlando-Attentat hatte die amerikanische Sängerin Melissa Etheridge den Song „Pulse“ in Gedenken an die Opfer geschrieben.

ORLANDO-SONG[1]

Im Rahmen des Projekts 100% Mensch sind die Lieder „Ich sage ja!“  und „100% Mensch“ entstanden – für die Homo-Ehe und gegen Diskriminierung singen Moderatorin Annie Heger und Projektkoordinator Holder Edmaier an.

100%_MENSCH_(2)[1] 100%_MENSCH[1]

Auf die musikalisch etwas härtere Tour behauptet sich die Band „Eat Lipstick“. Mit schrillen Outfits und im Rock-/Metalstil rocken die Dragqueens die Bühne.

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Weitere Highlights des CSD Finales am Brandenburger Tor stellen die Auftritte von Barei, die in diesem Jahr als spanische Kandidatin beim Eurovision Song Contest angetreten ist, und Culcha Kandela, die mit ihrem coolen Beat die Masse begeistern, dar.

CULCHA_CANDELA[1] BAREI[1]

Trotz des Vergnügungsprogramms und der ausgelassenen Feierstimmung wird eins in diesem Jahr ganz deutlich: Der Christopher Street Day ist eine politische Demonstration, nicht nur ein queeres Straßenfest mit schrillen Paradisvögeln und Regenbogenflaggen. Zu viele negative Ereignisse wie das Attentat in Orlando und zu wenig faktische Gleichstellung: die LSBTI* Community wird sich den Herausforderungen Emanzipation und Akzeptanz weiterhin stellen müssen; die Regenbogenstadt Berlin könnte dabei Vorreiter sein.

Autorin Pia Steckelbach