Berliner Kurzfilmfestival

Interfilm Festival. Überall in Berlin Werbung. In der U-Bahn der Trailer, in den Bahnhöfen und an Litfaßsäulen Plakate.

Das Interfilm Kurzfilmfestival ist mit der Berlinale eins der größten internationalen Filmfestivals in Berlin und hat sich zu einem der wichtigsten Festivals Europas entwickelt. 2016 findet das einwöchige Interfilm Festival zum 32. Mal statt. Das dazugehörige Kinder- und Jugendkurzfilmfestival, Kurzfilm für Kinder, kurz, KUKI, zum 9. Mal. Da kann ich es mir nicht entgehen lassen, in den verschiedenen Locations voll entspannt Medienkultur zu genießen.

In diesem Jahr werden 600 Filme aus 71 Ländern in 9 Wettbewerben und 60 Programmen gezeigt.

Das facettenreiche Festival weiß durch Vielfalt, coole Preise und hochwertige wie originelle Programminhalte zu begeistern. Ich muss zugeben, dass ich anfangs gar nicht durch die das riesen Programm durchblicke, so viele Verzweigungen und Extras… Wer blickt da schon durch? Aber ich bin ja nicht umsonst für euch auf dem Festival unterwegs  und verschaffe mir schnell einen Überblick, um euch das Konzept näher zu bringen. Und das ist: Dabei sein ist alles!

Zu jedem Programmbeginn, wird der diesjährige Trailer des Interfilmfestivals präsentiert.
Zu jedem Programmbeginn, wird der diesjährige Trailer des Interfilmfestivals präsentiert.
Der Beginn, der Trailer.
Der Beginn der Schau, der Trailer.

 

Der Versuch

Begibt man sich in die Veranstaltungen, erscheint einem das komplexe Programm etwas klarer. Deswegen versuche ich mal das super Kurzfilmfestival super verständlich zusammen.

Das ganze fängt damit an, dass mit dem Kurzfilmfestival mehrere Wettbewerbe verbunden sind. Die Festivalmacher erreichen jährlich weit über 6000 Einreichungen. Von denen werden rund 600 Werke in thematischen Programmen gezeigt.

Viele Filme, thematische Programme, mehrere Wettbewerbe. Okay!

Neben dem internationalen Wettbewerb, den Konfrontationen – Gegen Gewalt und Intoleranz, dem Dokumentarfilmwettbewerb, dem Deutschen- und dem Green Film- und Publikums-Wettbewerb „Eject“, gibt es noch den Interforum – International Script Pitch Preis, welcher Kurzfilmdrehbücher ehrt. Außerdem gibt es Fokus-Programme, die sich jährlich wandeln, in diesem Jahr gibt es Kurzfilme mit dem Länderfokus Italien und China.

Die Veranstaltungen finden wie immer in der Volksbühne, dem Roten Salon und dem Grünen Salon, im Babylon, der Passage Neukölln und dem IL Kino in Neukölln statt. Zudem sind in diesem Jahr neue Orte mit dabei! Im Kino des wiedereröffneten Zeiss Großplanetarium läuft täglich Programm, im Kuppelsaal findet das große Virtual Reality Event statt. Das Eiszeit –und Hackesche Höfe Kino sind dabei und im The Grand gibt es Party und mehr. Am Sonntag findet im Heimathafen Neukölln die Preisverleihung statt.

Am Sonntag, dem letzten Festivaltag, werden die Preise verliehen.

Nach der feierlichen interfilm Preisverleihung werden zur Abrundung die Gewinnerfilme gezeigt und Awards im Gesamtwert von 35.000 Euro verliehen.

Ich bin ab Dienstag mit dabei. Im Grünen Salon zum Programm „Curators‘ Choice – A Handpicked Selection from our Festival Programmers“ sind eine Menge Leute erschienen. Die Veranstaltung ist voll! Wir bekommen in gemütlicher Atmosphäre die Lieblingseinsendungen der Kuratoren zu sehen, welche anschließend mit einem Moderator an der Front sitzen und uns mehr über die Filme erzählen.

Auf gehts in den Grünen Salon.
Auf gehts in den Grünen Salon.

 

Kurz vor Beginn der ersten Interfilm-Veranstaltung im Grünen Salon.
Kurz vor Beginn der ersten Interfilm-Veranstaltung im Grünen Salon.
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Der coole Moderator dessen Namen mir leider entfallen ist, eröffnet den Abend.

Das Ding ist, dass das Ding ein internationales Ding ist, was so viel heißt wie, lets talk english in Berlin. Das gestaltet sich sichtlich und hörbar für einige Filmemacher als schwierig. Positiv-amüsant war es allemal.

Brutales im Vordergrund

Politiker rappen und raufen sich! Am Ende steht die Putzfrau vor dem konfusen Durcheinander, was einen der Hauptübeltäter davon abhält, mit einer amerikanischen Flagge auf einen anderen Abgeordneten einzustechen. Der erste Film, den ich sehe. Ein Battle-Rap Musikvideo. Nobody Speak von DJ Shadow gefeatured von Run the Jewels. Im großen Konferenzsaal überspitzt sich die Debatte über den Verbleib des Planeten, die Vertreter der Weltmächte bekriegen sich. Kein gutes Vorbild für die echten Politiker. Wobei, so fern ist das das Szenario gar nicht von der Realität?

https://www.youtube.com/watch?v=NUC2EQvdzmY

Die von den Kuratoren favorisierten Filme haben es in sich. „Refugee Blues“ zeigt Einblicke in das Flüchtlingslager im Dschungel von Calais. Untermalt von der Stimme eines aktuellen Geflüchteten, der das gleichnamige Gedicht von W.H. Auden aufsagt. Die Worte sind immer noch aktuell. Auch sehen wirdokumentarisch einen Tag unter Nonnen. Dann einen Science-Fiction Film. Anschließend schokiert Gwilliam von Brian Lonano. Ein Film der wahrlich seinen „what-the-fuck-Moment“ besitzt. Mann, Freilassung, Bar, Bedürfnisse, Prostituierte, perverses Monster-Alien, Aktion, Verstörung, Gedanken. Soll ich mehr darüber sagen?

Der Größte Schock beim Interfilm

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Talk zu „Mon dernier été“ von Claude Dermers.

Ich sehe im „Curator’s Choice“Programm letztendlich einen der Gewinnerfilme. „Mon dernier été“ von Claude Demers. Von der Jury wird es als Meisterwerk betitelt. Wenig Dialog, herausragende Schauspielkunst. Zwei junge Kinder verbringen viel Zeit zusammen. Eines Tages sieht er, wie sie den sexuellen Bedürfnissen ihres Vaters nachkommen muss. Die Mutter weiß davon, schweigt aber. Ein Tabu-Thema welches in der Gesellschaft völlig untergeht. Eine der jugendlichen KUKI-Kuratoren erzählt uns, wie sie und ihre jungen Kollegen den Film gesehen und anschließend schweigend im Dunkeln  gesessen haben Alle wussten, dass das knapp fünfzehn-minütige Drama gezeigt werden muss.. Alle merkten, wie unfassbar dieses Thema ist. Auch im Grünen Salon hält man sich mit dem Applaus zurück. Der französische Regisseur ist anwesend und gesellt sich auf die Bühne, um zu sprechen. Er ist auf das Thema gekommen, da in seiner Jugend etwas ähnliches passierte und er sich ebenso wie der Junge im Film fragt, ob er reden oder schweigen soll. „Mon dernier été“  gewinnt unter der Rubrik Bester Jugendfilm den ersten Preis, vergeben von der Jugendjury von TeenScreen. Was ich gerne an der Stelle anfüge ist: Communication solves, Kommunikation ist unfassbar wichtig.

Runde zwei im Grünen Salon: Music Videos – Songs of Sight and Sound

Auch in der Sektion, in der ausschließlich Musikvideos gezeigt werden, laufen eine Menge skurriler Filmchen. Ein 2015 in den Niederlanden entstandenes Musikvideo von De Staat zum „Song Witch Doctor“. Ein verrückter, alternativer Rock-Song. Das Musikvideo ist zum größten Teil animiert. Eine Herde von halbnackten Männern bewegt sich um den Sänger herum, der ihnen scheinbar Anweisungen gibt. Er spielt in dem Clip die Rolle des „Witch Doctors“. Regisseur von dem stark-eindrucksvollen Film ist Floris Kaayk vom Studio Smack. Schon bei den Berlin Music Video Awards (http://blog.alex-berlin.de/alex-bei-den-berlin-music-video-awards/)  im vergangen Mai gewann das Video in der Kategorie „Best Concept“.

 Ganz geil war auch noch „Baggage Man“ von Sizarr. Eine schwarz, weiß Animation mit coolen Bildern und Mustern. Der Song ist überraschend und vielseitig, ein Mix aus Deutsch und Englisch, was mutig aber gelungen ist! https://www.youtube.com/watch?v=_1_qn9yZRXc

Ein ebenfalls sehr gelungenes Exemplar ist das von Eva Münnich animierte Video für die Band Albert zum Song „The Most Exciting Thing“. Ich kann das abgedrehte Video gar nicht in Worte fassen, kapieren tu ich’s auch nicht ganz. Dennoch, die spezielle, farbenfrohe Animation zum fröhlichen Song hat es in sich.

Ein Bankräuberpaar in Santa-Kostümen steigt ins Auto, ein Fahrer fährt die beiden. Der Santa-Mann wird überheblich und der Fahrer duldet das nicht, bringt den Typen auf einem Wald um, die Frau anschließend den Fahrer. So sieht das Musikvideo der Band KEØMA zum Titel „Black“ aus. Ihr Genre bezeichnen sie als „Night Drive Pop“. Das passt doch wie die Faust aufs Auge zum Clip.. Die beiden Bandmitglieder selbst spielen im Video mit. Zum einen die Santa-Frau und zum anderen den Fluchtfahrer. Momentan ist die Band mit BOSSE auf Tour.

Aviv Kosloff Regisseur vom Musikvideo, „KEØMA“: Chris Klopfer und Kat Frankie, Schauspieler Ottokar Lehrner.
Aviv Kosloff Regisseur vom Musikvideo, „KEØMA“: Chris Klopfer und Kat Frankie, Schauspieler Ottokar Lehrner.

Ich wurde sehr gut unterhalten und gehe voller Eindrücke aus dem Grünen Salon. Beim Thema Musikvideos im Wettbewerb, fällt mir noch ein, dass die Berlin Music Video Awards nächstes Jahr 5-jähriges Bestehen feieren! Some things are here to stay.

Mittwoch im Babylon mit Ernst Lubitsch

Im Kinosaal angekommen, fällt mir gleich der Dauergast auf. Ernst Lubitsch. Schließlich darf der Schaffer von beispielweise „Die Austernprinzessin“ und „Sein oder nicht sein“ nicht vergessen werden! Die Plastiknachahmung gibt Gunter-W. Rometsch, ein Lubitsch Verehrer, für sein Kino „Notausgang“ in Auftrag. Dort hat Lubitsch einen festen Ehrenplatz, bis das Kino 1995 schließt. Mit Hilfe von Monika Rometsch und der Stiftung Deutsche Kinemathek findet Ernst Lubitsch heute seinen Platz im Babylon Kino. Ich lass es mir natürlich nicht nehmen mich mit diesem begehrten Herren, abzulichten zu lassen.

Ernst Lubitsch auf seinem Ehrenplatz im Babylon-Kino.
Ernst Lubitsch auf seinem Ehrenplatz im Babylon-Kino.
Lubitsch und ich gespannt vor Beginn des nächsten Programms.
Lubitsch und ich gespannt vor Beginn des nächsten Programms.

Berlin Beats im Babylon ist geil

Weiter geht’s mit dem Berlin Beats Programm! Am 11.November 1989 fällt die Mauer und Scott King fällt Kurt’s Lighter in die Hand. Kurt’s Lighter, ein Dokumentationsfilm über einen Mann der beim ersten Berlin-Konzert von Nirvana, Kurt Cobains Feuerzeug fängt. Scott ist eigentlich kein Raucher, als er aber anfängt das Feuer zum Rauchen zu benutzen, verändert er sich innerlich. Von schüchtern zu rebellisch. 27 Jahre später geht er zurück nach Berlin um die einzigartige Erfahrung nachzuerleben und wieder zu entfachen! Das Feuerzeug wird im Museum ausgestellt. Nevermind, die Geschichte ist witzig, und die Basis entspricht der Wahrheit! Hammermäßig was Scott King und Paul Kelly aus Kings 27 Jahre altem Erlebnis gezaubert haben. „One man’s search for meaning through rock memorabilia“,  heißt es im Trailer von “Kurt’s Lighter. Präsentiert wird der Film von Pop-Kultur.

Im historischen Babylon Kino, welches damals am 11.April 1929 als Stummfilmkino eröffnet.
Im historischen Babylon Kino, welches damals am 11.April 1929 als Stummfilmkino eröffnet.

Es geht weiter mit den Sounds unserer Mutterstadt! Urban Audio Spectrum von Marina Schnider zeigt uns wie es aussieht, wenn Berlin ihren eigenen Soundtrack spielt. Den Film dreht und bearbeitet sie im Sinne ihres Bachelor-Arbeit-Projekts an der Universität der Künste. Animierte Elemente der Umgebung fungieren als Instrumente. Der Kurzfilm ist erfrischend und irgendwie ist es sogar süß, wie sich die Pfähle im Wasser hoch und runter bewegen, als würde man sie wie Klaviertasten betätigen.

Danach läuft Ostblut eine Dokumentation von Sammy Metwalli, der nach dem Fall der Mauer das erste Tattoostudio Ostberlins eröffnet. Eine coole Wende-Geschichte; die man sich gerne anhört und ansieht. Sammy erzählt von alten und neuen Tagen, von seiner Zeit als heimlicher Knast-Tätowierer, dem Mauerfall und seiner damit verbundenen Freilassung, über sein Tattoo-Studio und seine Kunden heute. Ein Film mit Berlin, über Berlin und von nem Berliner! Zieht‘s euch rein!

Außerdem läuft der beeindruckende Kurzfilm „Berlin Metanoia“ vom Regisseur Erik Schmitt und mit der wunderbaren Marleen Lohse als Hauptrolle. Beide hatten wir schon in unserer Talksendung Raum für Notizen, wo sie über ihre Beziehung zu Berlin, einen Ort von Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit sprechen. Mir ist noch der Film „#selfie“ von David M. Lorenz im Kopf geblieben. Ein Pärchen macht Urlaub in Berlin und der Typ ist nur damit beschäftigt die perfekten Selfies zu schießen, hört seiner Freundin nicht zu und schlägt sie sogar, als sie ihn an einem Selfie hindert. Trotz des Dramas, drückt er der verwundeten Freundin noch ein letztes Selfie im Urlaub auf. Er bearbeitet das Bild, stellt es auf Instagram und verwendet Hashtags wie #couplegoalz und #love… Sag mal geht’s noch? Wie fake und unglücklich ist das denn. Für manche womöglich ein Spiegel ihrer gefälschten Selbstdarstellung.

Als letzter Film von Berlin Beats liefert Markus Muthig mit der freshen Doku „Berlin Spricht – The Remix Trilogy“. Man sieht Tags, Bombings, mehr Street–Art in Berlin und die Worte die man sieht, rappt jemand. Daraus entsteht fast eine Art Lyrics-Video. Berlin wird gezeigt und vorgerappt. Beide Daumen hoch, viva la streetart!

Urban Shorts: Berlin Spricht The Remix Trilogy (Interfilm 2016 Preview)

Ich war sehr begeistert von dem Facettenreichen Programm, das ich mir an ein paar Tagen anschauen durfte und kann nur jedem emfpehlen: Geht doch im nächsten Jahr zur interfilm-Festival-Woche, trefft Leute die ihr an anderen Tagen gesehen habt, seht Filme, Musikvideos, Animationen und mehr. Es besteht viel Raum um sich inspirieren zu lassen und der Profit einer Bereicherung ist sicher.

Oder bewerbt euch selbst mit euren Kurzfilmen: Im März 2017 beginnt die Bewerbungsphase. Das Festival geht vom 14.-18.11.2017 in die nächste Runde.