Das Bosch-Gedenkjahr

Das Bosch Gedenkjahr

In der ganzen Welt wird 2016 Hieronymus Bosch zu seinem 500. Todesjahr mit Ausstellungen geehrt. Seine niederländische Heimatstadt Herzogenbusch, wo der prägende Renaissance-Künstler am 09. August 1516 beigesetzt wurde, befindet sich bereits das ganze Jahr im kunsthistorischen Ausnahmezustand. Auch in Berlin hat jetzt die Alte Münze ihre Ausstellung „Hieronymus Bosch: Visions Alive“ verlängert und jüngst feierte „Hieronymus Bosch und seine Bilderwelt im 16. und 17. Jahrhundert“ in der Gemäldegalerie Eröffnung – mit Schlangen so lang wie die vor‘m Berghain. Das habe ich zum  Anlass genommen, um mir anzuschauen, was Hieronymus Bosch so bedeutend und auch 500 Jahre später für jede Generation so spannend macht.

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Ein Ausschnitt der HD-Leinwandprojektionen der großen Ausstellungshalle in der Alten Münze, Berlin.

Wer war eigentlich dieser Bosch?

Bosch (mit bürgerlichem Namen Jheronimus van Aken) ist einer der einflussreichsten Künstler eh und je. Seine Inhalte prägten den Surrealismus und Dada sowie die psychedelische Kunst und Musik. Seine innovative Bildwelt ist einerseits rätselhaft und dennoch von banalem Sinn beleuchtet. In seiner Heimat betrieb er eine Kunstwerkstatt, in der seine wunderlichen Werke von eigener und von helfender Hand entstanden. Tatsächlich hatte er eine Menge Mitarbeiter, um all seine Bildideen und Aufträge umsetzen zu können. Er war damals schon ein erfolgreicher Künstler. Seine Werke wurden im Auftrag von Fürsten, Königen und der Kirche bestellt. Auch sein Großvater, Jan van Aken, dem die genannte Werkstatt entstammt, sein Vater und seine Brüder waren Maler.

Viel mehr weiß man trotzdem nicht über Hieronymus Bosch. Klar ist nur, dass er eine vermögende Frau heiratete, die Mitglied der einflussreichen Liebfrauen-Bruderschaft war. Doch Bosch hat kein einziges Schriftstück hinterlassen, das seine Visionen und seine Arbeit in irgendeiner Form erklären würde. Welchen Sinn seine Werke tragen und woher seine Visionen, wie beispielweise die absonderlichen Mischwesen, Gestalten und Monster entstammen, wird heute noch unterschiedlich gedeutet. Allerdings haben Kunsthistoriker ungefähre und teilweise sogar präzise, logische Erklärungen für seine Werke geliefert, welche einige Spekulationen vernichten. Es sind Visionen eines Genies mit blendender Fantasie, die mit sinngemäßem moralischem Inhalt und Absichten gepaart ist, wie ich später von Kurator Stefan Kemperdick soll.

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Teil des Multimedia Informationsraums der Ausstellung BOSCH ALIVE.

Es ist unklar wie viele Originale von Hieronymus Boschs existieren, da große Mengen an Imitationen und Fälschungen bestehen. Man sagt es seien ca. 20 Originale existent. Dafür haben Kunsthistoriker innerhalb eines großen Forschungsprogramms, dem Bosch Research and Conservation Project, all seine weitverteilten Originalwerke nach neusten Möglichkeiten untersucht und teilweise restauriert. Dadurch hat man einiges mehr über den geheimnisvollsten Maler seiner Zeit erfahren zu können. Mit neuen Klarheiten finden natürlich auch in Berlin zum sogenannten Bosch-Gedenkjahr Ausstellungen statt, die ich mir angeschaut hab.

Bosch Alive in der Alten Münze

Zuerst führt mein Weg in die Multimedia-Ausstellung „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ in die Alte Münze, die mittlerweile sogar bis Januar 2017 verlängert wurde. Veranstalter ist Oleg Marinin von iVision Entertainment und Kuratorin der Ausstellung ist Yascha Yavorskaya von Artplay Media.

In der Alten Münze angekommen verbringe ich zunächst längere Zeit im Vorraum der Ausstellung. An den schwarzen Wänden stehen in weißer Schrift Sprüche, die zum Künstler und dem Sinn seiner Werke passen. Außerdem im Vorraum, die Möglichkeit, Teil von Gemälden des Malers zu werden. Das lasse ich mir nicht nehmen und positioniere mich zwischen Green-Screen und Bildschirm um mich mit Gemälden des Künstlers zu fusionieren und dabei fotografieren zu lassen.

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Griffiger Spruch aus „Dante – Die göttliche Komödie, Inferno I,I“ im Vorraum der Ausstellung.

 

 

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Ich, als Teil von Hieronymus Boschs Werk.

Hinter den Vorhängen zum nächsten Raum verbirgt sich der erste von drei abgedunkelten Ausstellungsräumen. In der Mitte der großen Halle befinden sich Sitzsäcke und Stühle auf denen man sich beliebig niederlassen kann, um sich der Vorführung hinzugeben, natürlich kann man auch stehen. Überall an den Wänden und im Raum sind Leinwände mit Projektionen in HD-Qualität. Mit passender Musik untermalt wiederholt sich, im halbstündigen Loop, die angefertigte Vorstellung. Die Hauptwerke Boschs werden zum Leben erweckt, denn die Aussteller haben es gewagt die Werke vom Künstler in Bewegung zu bringen, was gut gelungen ist und das Erlebnis noch spannender macht. Schaurig-schön führen die Installationen vom „Garten der Lüste“ bis in die von Bosch erschaffene Hölle.

Leinwände und Sitzgelegenheiten der großen Multimedia-Halle in der Alten Münze.
Leinwände und Sitzgelegenheiten der großen Multimedia-Halle in der Alten Münze.

Die Ausstellung ist gut und übersichtlich strukturiert. Vorher dachte ich, es würde chaotisch und schwierig zu durchschauen sein, bei all den Leinwänden und all den Welten. Doch die Werke wurden sinnvoll miteinander verknüpft und ergeben eine Art Geschichte. Von den Lüsten, Taten und Visionen jener Zeit und den damit verbundenen Freuden, Tiefen und Ängsten, bis in die Hölle. Als „Ehrenprofessor der Alpträume“ wird Hieronymus im ersten Manifest des Surrealismus genannt. Er stelle eben das Bild der Ängste der Menschen seiner Zeit dar, das Weltbild am Ende des Mittelalters, welches viel Zauberei und Teufelei beinhaltet.

 

Bosch zeigte vor 500 Jahren einen Weg des Lebens, der heutzutage eher auf positive Faszination als auf Angst und Schuld stößt. 1969 schmückt sogar Deep Purple, mit dem auch als musikalische Hölle bezeichneten Werk Boschs, ihr Plattencover. Aber Bosch ist nicht nur ein Spiegel der damaligen Gesellschaft mit all ihren Schattenseiten, sondern soll auch heutzutage als ein Spiegel der Selbstreflexion fungieren können. Am nächsten Tag interviewe ich Stefan Kemperdick in der Gemäldegalerie zu einer weiteren Ausstellung anlässlich Boschs 500. Todesjahr, wo ich den Kurator nach einem Statement zum Satz: “Mit Bosch in den Spiegel schauen“, bitte. Hören Sie, was Herr Kemperdick, der sich intensiv mit Bosch beschäftigt hat, dazu zu sagen hat und was Donald Trump damit zu tun hat.

Das lodernde Feuer auf den Leinwänden, die Finsternis bricht in die Halle ein.
Das lodernde Feuer auf den Leinwänden, die Finsternis bricht in die Halle ein.

Hieronymus Bosch ist ein zeitloser Künstler, der sowohl früher als auch heute zeigt wie die Menschen leben, was ein ideales Leben sein könnte und was passiert wenn man diesen Wegen abweicht. Er erwähnt auf ernste, als auch auf ironische Weise, was den Menschen schlecht macht. Das alles ist vom religiösen Glauben geprägt.

Vor Allem zeigt er die dunklen Seiten der Menschheit und warnt vor den sieben Todsünden: Dem Hochmut, dem Neid, Zorn, der Habgier, Schwermut, der Völlerei und der Woll-Lust. Als Beispiel, der „Garten der Lüste“, ein orgiastisches Liebesparadies, welches Bosch damals als Warnung gegen die Todsünde der Woll-Lust verkauft.  „Natürlich wussten die Leute, die sich dieses Bild gekauft haben bzw. derjenige der es sich hat machen lassen, Hendrik III. von Nassau – das war ein bekannter Lüstling und Libertin –  dass die Aussage des Bildes eine moralische ist, nämlich man soll nicht sündigen und vor allen Dingen nicht der Fleischeslust pflegen.“ Genauso als Beispiel das Triptychon „Der Heuwagen“ mit „Der Garten Eden“,  und „Die Hölle“: Die Jagd nach wertlosem Heu als ironisches Bild der Gier des Menschen nach irdischen Gütern, statt der himmlischen.

Also liebe Leser, die Ausstellung wurde nicht umsonst verlängert. Bis zum 31.Januar 2017 habt ihr noch die Chance in der Alten Münze, Bosch-Alive, zu erleben. Ihr habt mein Wort.

Manchmal ist eine Zigarre, nicht mehr als eine Zigarre – Bosch in der Gemädlegalerie

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Zu Beginn der Eröffnungsreden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Abend startet in der Gemäldegalerie die Studioausstellung „Hieronymus Bosch und seine Bildwelt im 16. und 17. Jahrhundert“. Die Veranstaltung beginnt mit informativen Eröffnungsreden rund um das Thema 500 Jahre Hieronymus Bosch. Unter Anderem spricht auch der freundliche Kurator Stefan Kemperdick.  Alle dreihundert Stühle sind besetzt und noch mehr Menschen wuseln im Treppenhaus und dem Balkon rings um das Rednerpult herum. Schätzungsweise 500 Interessierte sind zur Eröffnung erschienen, was die langen Schlangen zu den Ausstellungsräumen erklärt.

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Kabinett in der Galerie, mit Zeichnungen zur Ausstellung zu Ehren Hieronymus Boschs.

Ganz geduldig warten die meisten, um jedem Raum zu lassen, sich die Zeichnungen und Gemälde von Bosch und inspirierten Malern wie Adriaen Brouwer, David Teniers d. J. und Frans Francken d. J. anzusehen. Auch Zeichnungen und Druckgraphiken aus dem Umkreis Boschs von beispielweise Alart du Hameel und James Ensor ergänzen die Ausstellung.  Die Besucher können die Ausstellung der Originalwerke Boschs und einige seiner Imitatoren sowie von Bosch inspirierte Werke begutachten. Die Gemäldegalerie und das Kupferstichkabinett präsentieren ihre Bestände in zwei Räumlichkeiten. Insgesamt füllen 10 Gemälde den Gemäldeausstellungsraum, den anderen füllen 25 Grafiken, die hinter Glasvitrinen geschützt sind. Zu sehen sind hier über die Hälfte von Boschs Originalzeichnungen, die normalerweise im Kupferstichkabinett aufbewahrt werden. „Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren“, eine eigenhändig von Bosch angerfertige Zeichnung, die sogar zu seinen drei Meisterblättern zählt, wird ebenfalls mit einer besonderen Stellung präsentiert.

Hieronymus Bosch, "Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren", Ein Original.
Hieronymus Bosch, „Das Feld hat Augen, der Wald hat Ohren“, Ein Original.

Ganz besondere Exemplare im Gemälderaum sind unter anderem ein signiertes Hauptwerk von Bosch, die Tafel mit „Johannes auf Patmos“. Unmittelbar daneben im Raum steht ein Triptychon, der Versuchung des heiligen Antonius, welches nach 150 Jahren und sorgfältiger Restaurierung erstmals wieder gezeigt wird. Auch erwähnenswert sind Kopien Boschs großer Schöpfungen, worunter auch das „monumentale Weltgericht“ von Lucas Cranach gehört. Im Interview mit Stefan Kemperdick, spreche ich ihn auf Symbole und Zeichen Boschs an. Er macht mir bewusst, dass es bei Bosch und vielen anderen Künstlern, nicht groß der Symbolbedeutung bedarf und es typisch für das 20. Jahrhundert sei, überall Symbole und Zeichen zu sehen oder zu suchen. „Manchmal ist eine Zigarre wirklich nichts anderes als eine Zigarre und das gilt umso mehr für die ältere Kunst…“, so Stefan Kemperdick.

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Menschentraube vor „Der Garten der Lüste“
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Boschs „Johannes auf Patmos“

Also liebe Leute, Herr Kemperdick hat doch recht, machen wir uns nicht verrückt mit dem Deuten von Dingen, manchmal sind Dinge banaler als man glauben will. Die Ausstellung ist vom 11. November 2016 bis zum 19. Februar 2017 in der Gemäldegalerie zu sehen.

 

Autorin: Mai Itskovich